Daniel Cil Brecher

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Göttliches Bauwerk

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on August 20, 2007 at 8:24 am

Idith Zertal / Akiva Eldar: Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 576 S., € 28

Seit dem Ende der zweiten Intifada, dem blutigen Aufstand der Palästinenser gegen vierzig Jahre Besatzung und Siedlungsbau, haben in Israel die Schuldzuweisungen begonnen. Waren das Siedlungsunternehmen und die Verpflanzung von 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung in die 1967 eroberten arabischen Gebiete ein Fehler? Wurde die nichtreligiöse Mehrheit von einer extremistischen Minderheit religiöser Siedler in ein verhängnisvolles Abenteuer hineingezogen? Auch die Siedler fühlen sich betrogen und im Stich gelassen.
Die religiös-nationalistische Siedlerbewegung entstand nach dem Sieg von 1967, um den Rest Palästinas durch Kolonisierung in den Besitz der Juden zurückzuführen und damit das Kommen der Endzeit und des Messias zu beschleunigen. Die arabische Bevölkerung in den eroberten Gebieten wurde von Ihnen als eine Art Untermieter gesehen, der sich seit Beginn des jüdischen Exils vor zweitausend Jahren auf dem Land aufhielt, ohne eigene Rechte erworben zu haben. Das Autorenduo Zertal und Eldar zitiert in diesem Zusammenhang den wichtigsten ideologischen Ziehvater der Siedlerbewegung, Rabbiner Zvi Jehuda Kook.

„Der Staat Israel ist eine göttliche Angelegenheit, ein göttliches Bauwerk. Dieses ganze Land ist unser, absolut. Es ist nicht auf andere zu übertragen, selbst nicht in Teilen. Damit ist ein für allemal klar, dass es keine „arabischen Gebiete“ gibt, sondern einzig und allein die Erde des Landes Israel, das ewige Erbe unserer Vorväter. Dies ist eine Vorgabe göttlicher Politik, die keine niedere Politik durchkreuzen kann.“

Auch die etablierten, säkular-zionistischen Parteien hatten in der Vergangenheit Anspruch auf ganz Palästina erhoben, aber als Zielvorstellung kollidierte diese Idee immer wieder mit einem anderen Wunsch – der Erlangung und Sicherung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit in einer von Arabern bewohnten Region. So hatte sich die zionistische Arbeiterbewegung schon 1947, vor Staatsgründung, auf eine Teilung Palästinas und eine Grenzführung eingelassen, die ein Maximum an Territorium und ein Minimum an arabischer Bevölkerung umfasste. Die rechtszionistische Bewegung der Revisionisten hielt offiziell noch bis zur Regierungsübernahme durch Ariel Sharon 2001 am Endziel des Großisrael fest. Erst dann musste auch diese ideologische Vorgabe den demographischen Realitäten weichen. Ein jüdischer Staat, das heißt ein Staat mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit, war nur in engeren Grenzen möglich. Einer der wichtigsten Verfechter eines pragmatischen, auf Mehrheitsverhältnisse gerichteten Zionismus, der ehemalige Stabschef und Premier Yitzhak Rabin, wies deshalb die Ideen der Siedler als Irrweg der jüdischen Geschichte ab. In einer Knesset-Rede sagte er 1994:

„Ihr seid nicht Teil der israelischen Gemeinschaft, des demokratischen, nationalen Lagers. Sehr, sehr viele im Volk verabscheuen euch. Ihr habt nicht Teil am zionistischen Werk. Ihr seid ein Fremdkörper, seid Unkraut.“

Kaum zwei Jahr später wurde Rabin von einem Anhänger des religiös-messianischen Siedlungsgedankens ermordet. Die unmittelbar nach dem 6-Tage-Krieg erfolgte Annektierung des arabischen Jerusalems und einer großen Zahl arabischer Dörfer an der Peripherie sowie die Einverleibung der Golanhöhen, beides wird im Buch nicht behandelt, stießen auf breite Zustimmung bei der jüdischen Bevölkerung. Der Siedlungsbau in der Westbank und im Gazastreifen hingegen führte zu einer Spaltung der israelischen Gesellschaft. Die wichtigste außerparlamentarische Opposition Israels, die während der Verhandlungen mit Ägypten 1978 entstandene Friedensbewegung „Peace Now“, widmet sich seit Jahren fast ausschließlich der politischen Bekämpfung des Siedlungsunternehmens und der Aufdeckung von Rechtsbrüchen und Menschenrechtsverletzungen in der Westbank. Zu diesem politischen Umfeld sind auch die Autoren Zertal und Eldar zu zählen. In ihren Augen konnte das Siedlungsprojekt, ein massiver Bruch internationalen Rechts, der Verträge mit Jordanien, Ägypten und der PLO, nur unter dem doppelten Deckmantel der Verschleierung und der Verdrängung vor sich gehen; durch eine Verschleierung der Zielrichtung und des Ausmaßes des Siedlungsbaus auf Seiten der staatlichen Stellen, die den Bau planten, bezahlten und ihn politisch, militärisch wie juristisch deckten; und durch die Leugnung und Verdrängung des Unternehmens durch die Bevölkerungsmehrheit, die vor den Folgen die Augen schloss. Zertal und Eldar formulieren die politisch-moralische Frage so:

„Tausende gewählter Staatsbediensteter und Beamter – Politiker, Richter, Staatsanwälte, Generäle, Akademiker – haben über die Jahre, einige ganz offen, andere eher diskret, dem jüdischen Siedlungsprojekt geholfen. Gleichzeitig haben einige wenige Intellektuelle und Medienschaffende immer wieder Alarm geschlagen angesichts des Ausbaus der Siedlungen, des andauernden Landraubs und der zunehmenden Unterdrückung der Palästinenser. Warum haben wir alles Mögliche unternommen, um unsere Taten zu verbergen – vor uns selbst und vor der Welt? Ist diese Maskerade Beleg für das Wissen um das Vergehen, dessen man sich stets bewusst war?“

Dieser Version der Geschichte der letzten vierzig Jahre halten die Siedler ihre Sicht entgegen. Ihrer Meinung nach wurde die Grundrichtung des Unternehmens weder versteckt noch verschleiert. Lediglich einige Details habe man mit Rücksicht auf das Ausland und die Rechtslage der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Regierungen der Arbeitspartei, unter denen das erste Dutzend Siedlungen nach 1967 gebaut und Jerusalem annektiert wurde, hatten sich des Elans der Siedlungsbewegung bedient, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen: die langfristige Sicherung von militärisch wichtigen Punkten und die strategische Verbesserung der beim Waffenstillstand von 1949 entstandenen Grenzen. Die rechtszionistischen Regierungen unter Führung von Begin, Shamir, Netanjahu und Sharon betrieben aus eigenen Gründen die massive Besiedlung der Gebiete. Für sie war die Schaffung eines Großisrael kein göttlicher, sondern ein geschichtlicher Auftrag. Aber auch sie appellierten an den Idealismus der religiös-messianischen Bewegung. So hatte Menachem Begin schon zwei Tage nach seinem Wahlsieg 1977 bei einem Besuch in der Siedlung Kadum erklärt:

„Dies sind befreite Gebiete, die dem jüdischen Volk gehören. Die neue Regierung wird junge Leute auffordern zu kommen und das Land zu besiedeln.“

Begin beauftrage seinen Landwirtschaftsminister Ariel Sharon mit der Ausführung. Von nun ab, bis zu seinem Ausscheiden aus der Politik 2005, wirkte Sharon in den verschiedensten staatlichen Funktionen als Pate der Siedlerbewegung. Aber er förderte nicht nur religiös-nationalistisch ausgerichtete Siedlungsprojekte. Begin und Sharon erkannten schnell, dass mit der kleinen Zahl ideologisch motivierter Siedler – bis 1977 waren nur etwa 7.000 Juden in die Westbank gezogen – der Rest Palästinas nicht für die Juden zu gewinnen war. Der Durchschnittsisraeli musste dazu bewegt werden, in die Gebiete zu ziehen. Dazu Zertal und Eldar:

„Die kostenlose Verteilung palästinensischen Landes, die von Sharon offerierten günstigen Baukredite, die nicht selten in Schenkungen umgewandelt wurden, dazu die kostenlos zur Verfügung gestellte Wasser-, Strom- und Abwasserinfrastruktur sorgten für eine Veränderung des Siedlerprofils. Neben denjenigen, die der Idee eines Großisraels treu ergeben waren, gab es nun vermehrt Neueinwanderer und junge Paare, denen diese Idee fremd war.“

Neben dem Preisvorteil sollte „Lebensqualität“ die neuen Bewohner anlocken: schmucke Einfamilienhäuser, Parks und großzügige Gemeinschaftseinrichtungen in neuen, sozial homogenen Vororten in unmittelbarer Nähe von Tel Aviv und Jerusalem. Auf diese Weise stieg die jüdische Bevölkerung in der Westbank, im Gazastreifen und auf den Golanhöhen bis 1992 auf 100.000 Menschen, die Zahl der Bewohner der annektierten Stadtteile Jerusalems auf 180.000, und Zahl der Siedler bis 2007 auf etwa 450.000 insgesamt. Diese Strategie der Entideologisierung des Wohnens in den besetzten Gebieten war so „erfolgreich“, dass der 1992 gewählten Regierung der Arbeitspartei unter Yitzhak Rabin kaum etwas anderes übrig blieb, als die Satellitenstädte und grenznahen Siedlungen als neue, unumstößliche Tatsachen der israelischen Landkarte anzuerkennen, ja , sie weiter zu stärken. Auch wenn die Autoren zum Schluss kommen, dass – gemessen an den eigenen, völlig unrealistischen Erwartungen, ganz Palästina auf diese Weise judaisieren zu können – das Projekt der religiös-nationalistischen Siedlerbewegung gescheitert sei, haben die säkular und militärisch-strategisch motivierten Siedlungsvorhaben ihr Hauptziel erreicht, ein Ziel, dass die zionistische Arbeiterbewegung und die rechtszionistischen Parteien gemeinsam verfolgten.

„Die unverhohlene Absicht hinter Sharons „Erlösung des Landes“, wie man es in den Pioniertagen des zionistischen Siedlungswerks genannt hatte, war, für alle Zukunft die Möglichkeit der Errichtung eines lebensfähigen und über einen annehmbare territoriale Geschlossenheit verfügenden palästinensischen Staatswesens zunichte zu machen.“

Dieser Aspekt der Besatzungs- und Siedlungsgeschichte und die Entstehung der wesentlich umfangreicheren säkularen Siedlungsprojekte liegen außerhalb des Rahmens der Studie von Zertal und Eldar, die sich nur auf die religiöse Siedlerbewegung und ihre Ideologie konzentrieren. Diese Beschränkung ist nicht unproblematisch. So kommen gerade der Annektierung und Besiedlung des Großraums Jerusalem, in der heute mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner der 1967 eroberten Gebiete lebt, eine politisch weit größere Bedeutung zu als den relativ kleinen, isolierten Siedlungen, deren Geschichte im Buch erzählt und deren Räumung zur Zeit öffentlich erwogen wird.

Gesendet im Deutschlandfunk 27. August 2007 * copyright 2007 Daniel Cil Brecher

Ein radikal revidiertes Geschichtsbild des Sechstagekrieges

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on Mai 23, 2007 at 11:44 am

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt. Siedler Verlag, München 2007, 800 Seiten, € 28

Der israelische Journalist und Historiker Tom Segev stellt seinem Panorama der Monate April bis November 1967 eine Skizze der israelischen Gesellschaft in den achtzehn Monaten vor Ausbruch des Sechstagekrieges voran. Die Wirtschaft befand sich in einem Tief, die Stimmung im Volk war schlecht. Für viele war der israelische Traum ausgeträumt – der Traum von nationaler Erneuerung, Gleichheit und vor allem von Prosperität, Frieden und Sicherheit. Segev zitiert Schlagzeilen aus der israelischen Presse der Vorkriegszeit.

„Krise.“ „Tod einer Vision. “ „Vision und Fehlschlag.“ „Wie haben sie es geschafft, dieses Land zu zerstören?“

Israels Isolierung in der Region, der andauernde Kriegszustand mit den Nachbarstaaten und die Feindschaft der arabischen Ursprungsbevölkerung, von der siebzig Prozent Land, Wohnung und Auskommen durch die Schaffung des jüdischen Staates verloren hatte, spielten dabei eine ebenso große Rolle wie die wirtschaftliche Rezession.

„In den achtzehn Monaten vor dem Sechstagekrieg wurden in Israel fast 120 Sabotageanschläge auszuführen versucht oder tatsächlich verübt – durchschnittlich alle fünf Tage einer. Die Saboteure kamen gewöhnlich aus Syrien [und] aus Jordanien, sprengten Wasserleitungen, Wasserpumpen, Lagerhäuser und Kraftwerke in die Luft und verminten Straßen, Autobahnen und Bahngeleise. Bei diesen Anschlägen wurden elf Israelis getötet, mehr als sechzig verletzt, die Hälfte davon Zivilisten. Die Zahl der Zwischenfälle stieg stetig. Der Terrorismus wurde zu einem Alltagsphänomen.“

Bei der Diskussion um die Gegenmaßnahmen entwickelte sich ein Konflikt zwischen der von Levi Eshkol geführten Koalitionsregierung aus sozialdemokratischen und religiösen Parteien und der Armee. Generalstabschef Yitzhak Rabin forderte groß angelegte Operationen gegen Jordanien und Syrien, die den palästinensischen Kämpfern der Fatah-Bewegung Unterschlupf boten. Das Kabinett aber wollte defensive Maßnahmen: Zäune, Hinterhalte, elektronische Überwachung.

„Hier ging es weniger um taktische und politische Auseinandersetzungen als um einen Generationenkonflikt. Eshkol und das Kabinett fürchteten die politischen Folgen von Großangriffen. Die Armee hingegen war nicht auf Verteidigung ausgelegt, sondern darauf, offensiv vorzugehen. Die Staatsgrenzen seien nicht befestigt und gesichert, und zwar aus gutem Grund, erklärte Moshe Dayan im April 1967.“

An der Grenze zu Syrien, am Rande der Golanhöhen und am See Genezareth, sorgten nicht nur eindringende palästinensische Kämpfer für Spannungen. Die umstrittene Bewirtschaftung von Ackerland durch Israel in der seit 1948 bestehenden Pufferzone – und der damit demonstrierte Besitzanspruch – führte zu häufigen Schusswechseln zwischen Syrien und Israel – meist mit Kleinwaffen. Die Armee, die überzeugt war, dass der stärkste Bundesgenosse Syriens, Ägypten, sich nicht in einen Krieg hineinziehen lassen würde, forderte eine groß angelegte Strafaktion. Auch die jüdischen Bauern im Norden und die von Menachem Begin geführte Opposition in Jerusalem verlangten radikale Maßnahmen.

„Am Freitag, den 7. April 1967 fuhren zwei Traktoren planmäßig auf ein sechs Hektar großes Grundstück. Die Syrer eröffneten das Feuer. Die israelische Armee schoss zurück. Rabin berichtete aufgeregt: „Ich sehe gerade, wie Granaten vor den Traktoren einschlagen“. Eshkol erklärte, die Arbeiten sollten fortgesetzt werden und wenn keine andere Wahl bleibe, müsse die Luftwaffe eingeschaltet werden. Am Ende des Tages hatte die israelische Luftwaffe insgesamt sechs [syrische] MiGs vom Himmel geholt, eine davon in der Nähe von Damaskus.“

Damit hatte die Armeeführung das Land an den Rand eines Krieges gebracht. Levi Eshkol schien entweder zu schwach, sich dem Druck der Generäle zu widersetzen, oder fühlte sich genötigt, so Segevs Spekulation, das Image des Schwächlings zu widerlegen, das seine politischen Gegner von ihm entwarfen – allen voran Altpremier Ben-Gurion und der ehemalige Stabschef Moshe Dayan. Im Hauptteil des Buch, einer minutiösen Rekonstruktion der Entscheidungsvorgänge im Kabinett und den Parteigremien vor, während und nach dem sechstägigen Krieg vom Juni 1967, steht diese Frage ständig im Hintergrund: Hat die politische Ebene versagt und sich vom Militär manipulieren lassen? Tom Segevs These lautet: Eine Kriegskoalition aus Generalstab und einigen Politikern sowohl der Regierung als auch der Opposition haben das Land gegen die Absichten und Neigungen der Regierungs- und Parlamentsmehrheit in einen unnötigen Krieg geführt. Syrien, Jordanien und Ägypten, die einen Angriff auf Israel in keinem Stadium beabsichtigten, lieferten dabei nur die Vorwände, das Feigenblatt, das Israel gegenüber der Schutzmacht USA und der internationalen Staatengemeinschaft brauchte. Der eigentliche Kriegsgrund war die Überzeugung des Militärs, dass die militärische Schlagkraft der Nachbarstaaten vorläufig noch gering sei und sich ihr Angriffspotential gegenwärtig noch leicht mit zehn Jahren zurückwerfen ließe. Der Slogan, der die Militärs beflügelte – und der die darauf folgende Besiedlung der besetzten Gebiete inspirierte – lautete: „Jetzt oder Nie“. Das Image des Krieges, das Israel erfolgreich in die Welt projizierte, war anders: Ein kleines, friedliebendes Land, das sich in einem verzweifelten Präventivschlag gegen übermächtige Feinde verteidigte, die kurz vor einem vernichtenden Angriff standen. Nichts war, so Segev, weiter von der Wahrheit entfernt.

„Ein Jahr zuvor hatte der [us-amerikanische Geheimdienst] vorhergesagt, dass die palästinensischen Terrorangriffe möglicherweise zu einem Krieg führen würden. In dem Fall werde Israel die ägyptische Luftwaffe zerstören und binnen Tagen oder Wochen Teile des Sinai, das Westjordanland und Ostjerusalem, sowie die Golanhöhen besetzen.“

Die Voraussage stimmte. Die Luftwaffe Ägyptens wurde am Morgen des 5. Juni 1967 innerhalb von achtzig Minuten zerstört. Damit war der Krieg entschieden. Ägypten hatte nur den Vorwand geliefert – die Schließung der Meerenge von Tiran für die israelische Schifffahrt und die Verlegung einer Panzerdivision in die demilitarisierte Sinaihalbinsel. Beide Maßnahmen sollten Israel von einem Angriff auf Syrien abhalten. Israel besetzte den Gazastreifen und Sinai in zwei Tagen. Auch Jordanien lieferte einen Grund, und büßte in einem Tag Ostjerusalem und die Westbank ein. Nur an der syrischen Front musste die Armee bis zum fünften Tag warten. Dann ging sie eigenmächtig vor. Die Regierung hatte eine mögliche Konfrontation mit der UdSSR, der syrischen Schutzmacht, vermeiden wollen. Dann war alles vorbei. Schon in der Kabinettssitzung vom 11. Juni, dem ersten Tag des Waffenstillstands, wurde über einen Namen für den Krieg nachgedacht.

„Bildungsminister Aran [wartete] mit der Bezeichnung „Israelischer Existenzkrieg“ auf. Eshkols Büro wurde mit Vorschlägen überhäuft: „Friedensfeldzug“, „Krieg des Heldentums“, „Lebenskrieg“. Die Presse sprach bereits kurz nach Kriegsende vom „Sechstagekrieg“. Dieser Name spielte auf die sechs Schöpfungstage an. Eshkol [teilte] mit, dass auch er sich für diese Bezeichnung entschieden habe.“

Die Propagandaleistung des Sechstagekrieges war ebenso beeindruckend wie die militärische. Die Zivilbevölkerung Israels und die einfachen Soldaten standen wochenlang Todesängste aus, weil sie einen vernichtenden Angriff des Feindes erwarteten. Auch die Menschen in den christlichen Ländern des Westens und die Juden der Diaspora bangten um die Zukunft des Landes und bejubelten später den glänzenden und offenbar völlig unerwarteten Sieg. Die israelische Regierung hatte sich auch im Verhältnis zu den USA erfolgreich geschlagen. Die Regierung Johnson gab – widerwillig und unter Vorbehalten – Israel in jedem Stadium der Vorbereitungen und der militärischen Maßnahmen grünes Licht. Nur der Frieden war in noch weitere Ferne gerückt. Achthundert Israelis und über fünfzehntausend Syrer, Jordanier und Ägypter hatten das Leben verloren. Die Nachbarstaaten waren schon im Oktober 1973 wieder in der Lage, sich für die demütigende Niederlage zu rächen. Auch die Besetzung der Gebiete, die Israel schon 1967 mit Juden zu besiedeln begann, brachte dem Land nicht mehr Sicherheit und zwang es zu neuen Kriegen. Der großen militärischen Entschlossenheit Israels stand und steht eine ebenso große Unentschlossenheit im Politischen gegenüber. Bei einem der vielen Geheimgespräche mit arabischen Führern in London, die auch direkt nach dem Krieg stattfanden, verhandelte Israels Außenminister Abba Eban mit dem jordanischen König Hussein.

„Auf Ebans Frage sagte Hussein, er schließe einen Separatfrieden mit Israel nicht aus. Er wollte wissen, was Israel anbot. Eban antwortete: Das sei noch nicht entschieden.“

Dieses ständige politische Zaudern gegenüber den sich immer wieder anbietenden Friedensszenarien bestimmt seit 1967 die israelische Politik. Segevs Buch schildert in beeindruckendem Detail den Ursprung dieses Problems: die korrumpierende Wirkung fast unbeschränkter militärischer Macht, der nicht nur die Nachbarstaaten, sondern auch die israelische Politik selbst wenig entgegen zu setzen hat. Aus der inzwischen umfangreichen hebräischen Fach- und Memoirenliteratur schöpfend konfrontiert Segev ein breites Publikum hier mit einem radikal revidierten Geschichtsbild des Sechstageskrieges. Diese Revision kommt gerade rechtzeitig für ein westliches Publikum, das für den schwierigen Dialog mit den arabischen Ländern eine sachliche Grundlage braucht und keine Mythen.

Gesendet im Deutschlandfunk am 11. Juni 2007 * copyright 2007 Daniel Cil Brecher

Zwei Kommentare zur Dauerkrise

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on Dezember 5, 2006 at 2:34 pm

Von Daniel Cil Brecher

Edward K. Said: Kultur und Widerstand. David Barsamian spricht mit Edward K. Said über den Nahen Osten. Edition 8, Zürich 2006, 203 Seiten, € 16,80
Amira Hass: Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus Palästina und Israel. Verlag C.H. Beck, München 2006, 213 Seiten, € 19,90

Der Kulturwissenschaftler Edward Said wurde 1935 in Jerusalem geboren. Nach Beginn des palästinensischen Exils 1948 gelangte er über Ägypten in die USA, wo er drei Jahrzehnte an der Columbia Universität unterrichtete. Bekannt wurde er vor allem durch sein 1978 erschienenes Buch „Orientalismus“, in dem er die verzerrten Vorstellungen des Abendlandes über Islam und arabische Kultur kritisierte. Said war auch in der palästinensischen Politik aktiv. Als Kritiker der Linie Arafats trat er 1991 aus dem Palästinensischen Nationalrat aus. Er starb 2003. Edward Said tritt hier, in seinem letzten Buch, als Gesprächspartner in sechs Rundfunkinterviews auf, in denen er sich mit dem us-amerikanischen Journalisten David Barsamian über die aktuelle Lage in Palästina und über sein eigenes Leben unterhielt. Das erste Gespräch fand im Februar 1999 statt, das letzte im Februar 2003. Das Buch wirkt dadurch wie eine Chronik der blutigen Dauerkrise dieser Jahre: des Scheiterns der Friedensverhandlungen im Sommer 2000, der zweiten Intifada, der Auswirkungen des Attentats auf das World Trade Center. Said hatte schon 1992 grundsätzlich Kritik am Friedensprozeß geäußert. Das Friedenskonzept von Oslo bedeute die Lösung des Konflikts zu Gunsten Israels, auf Kosten der Araber. Der Westen habe offenbar seinen kolonialistischen Blick auf den Konflikt nicht überwunden und die Gleichberechtigung der arabischen Interessen noch nicht anerkannt. Auf Dauer erschien Edward Said auch eine zweistaatliche Existenz, Israel in den Grenzen von 1967 mit einer künstlich gewahrten jüdischen Mehrheit, und ein palästinensischer Staat in den verbleibenden Rumpfgebieten Gaza und Westbank, nicht haltbar. Die arabische Bevölkerung wachse schneller als die jüdische, warnte Said, und beide Bevölkerungen seien durch die Kolonialisierung unwiderruflich miteinander verwoben. Langfristig könne das Zusammenleben nur auf Basis der Gleichheit und der gerechten Verteilung der Ressourcen funktionieren. Das sei nur in einem einzigen, bi-nationalen Staat möglich.

Edward Saids Kritik am Friedensprozeß drängte ihn in seiner Wahlheimat New York, der kulturellen und politischen Hauptstadt des Diaspora-Judentums, in der Stadt, in der die pro-israelische Politik der USA ihren stärksten Widerhall hat, ins Abseits. „Der Einsatz für Palästina“ schrieb er einmal, „ist eine undankbare Aufgabe“. Man handele sich damit nur Schmach, Beschimpfung und Ächtung ein. In einem Rundfunkinterview im November 2000, zwei Monate nach Ausbruch der zweiten Intifada, ging Said auf die Einseitigkeit der Berichterstattung und die Parteilichkeit der öffentlichen Meinung im Westen ein. „Die Medien sind so überwältigend pro-israelisch, daß die meisten Menschen nicht auf die Idee kommen, ihre Unterstützung für eine Bewegung zum Ausdruck zu bringen, die mutig versucht, eine koloniale Militärbesatzung zu beenden. Die meisten Leute [wissen] kaum etwas über die Geschichte oder die geografische Topografie, die für diesen Konflikt wichtig sind. Und so sagen sie dann, nun ja, die Araber und Juden haben wieder einmal ihren ewigen Streit, wobei sie von der Vorstellung ausgehen, hier gebe es zwei gleich starke Seiten, deren eine, die israelische, ständig belagert und angegriffen wird. Auch hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine Form der Zensur, nämlich die der Marginalisierung, bei der Kritiker in den Mainstream-Medien einfach nicht vorkommen.“
Im August 2000 wurde Edward Said von der linksliberalen israelischen Tageszeitung Haaretz über das Scheitern des Friedensprozesses interviewt. Das Interview erschien auf der Titelseite der Wochenendbeilage. „Eine US-amerikanische Zeitung hätte dieses Interview niemals abgedruckt. Und zwar einfach deshalb, weil das gesamte Thema Palästina in den Vereinigten Staaten so gut wie tabu ist und nur als Nebenaspekt eines Nebenaspektes eines Nebenaspektes behandelt werden kann. Das ist das Prinzip, das sich etliche der jüdischen Organisationen in den USA zur Maxime gemacht haben.“

Kurz nach den Anschlägen vom September 2001 führte David Barsamian wieder ein Gespräche mit Edward Said im National Public Radio. Said hatte gerade darüber geschrieben, daß im Westen böswillige Pauschalurteile über den Islam zur letzten akzeptablen Form der Verunglimpfung einer fremden Kultur geworden seien. „Es handelt sich um ein jahrhundertealtes Bild vom Islam und von den Arabern, das keine Differenzierungen macht. Dabei denkt man über „den Muslim“ das genaue Gegenteil wie über uns: er ist fanatisch, gewalttätig, lüstern, irrational und so weiter. Dieses Gefühl vom Islam als bedrohlichem Anderen ist bis heute nicht verschwunden. Der Islam [wird] in die Nähe des absolut Bösen gerückt und die Vorstellung propagiert, daß die Araber nun einmal eine minderwertige Kultur haben. Solche negativen Verallgemeinerungen kann man sich in den USA heute über praktisch keine andere Religion oder Gruppe mehr erlauben.“

Im letzten Interview vor seinem Tod ging Said auf die kollektive Erinnerung ein, die bei Juden und Arabern eine wichtige Rolle spiele. Ein jüdischer Diskussionspartner habe einmal von ihm gefordert, den Israelis nicht immer die Vergangenheit vorzuwerfen, die Staatsgründung von 1948 und die Vertreibungen. Aber es seien doch gerade die Juden, die von der Welt ständig verlangten, die Geschichte nicht zu vergessen: „Es ist obszön, wenn Juden, ganz gleich, ob sie Israelis oder Amerikaner sind, den Palästinensern heute sagen: „Hört auf, Euch immer als die Opfer zu gerieren. Sucht die Schuld lieber bei Euch selbst.“ Wann wir uns erinnern und wann wir vergessen, ist eine Frage, über die wir selbst und nicht andere entscheiden müssen.“

In der zweiten Chronik der Dauerkrise, einer Sammlung wöchentlicher Kolumnen der israelischen Journalistin Amira Hass für die italienische Wochenzeitung „Internazionale“, lernen wir Hass von einer ungewohnten Seite kennen. In Deutschland ist sie vor allem durch ihre Reportagen für die Tageszeitung Haaretz bekannt, für die sie seit 1993 aus den besetzten Gebieten berichtet, als einzige jüdisch-israelische Korrespondentin, die ständig dort lebt. In der italienischen Wochenzeitung berichtet Amira Hass zum ersten Mal ausführlich auch über ihre eigenen Meinungen und Empfindungen zum Konflikt. Sie stellt sich, nicht ganz überraschend, als ausgesprochen parteiliche Chronistin des Lebens und Leidens unter israelischer Besatzung vor, als eine abtrünnige israelische Jüdin, die sich nicht mehr an der „Konsenserzeugung“ der israelischen Medien, wie sie sagt, beteiligen will. Sie hat sich unter die Opfer und Gegner von Israels Politik begeben, und unter ihnen ein neues Zuhause gefunden. „16. November 2005: Warum fällt es mir heute so schwer, etwas zu Papier zu bringen? Ich bin weder in Gaza noch in Ramallah, sondern in meinem alten Wohnviertel in Tel Aviv, beobachte die belebte Straße, [die] schicke[n] Boutiquen. Ich komme gerade aus einer anderen Welt. Gerade noch stand ich vor einem israelischen Gefängnis, wohin ich einen Freund begleitet hatte. Ist es dieser Kontrast, der jeden Kommentar überflüßig macht? Ich bemerkte die Palmen vor dem Gefängnis, Bäume, die die Gefangenen nicht sehen können. Meine Tränen haben sich zu einem schmerzhaften Knoten in meiner Brust verhärtet.“

Die herausragenden Themen ihres Buches sind die verheerenden Folgen der Abriegelung der Gebiete und das an Südafrika erinnernde „Paßsystem“, mit dem die Bewegungsfreiheit der Menschen auch innerhalb der palästinensischen Enklaven radikal eingeschränkt wird. „9. Februar 2001: Einer meiner Freunde lebt in Silwad, dreizehn Autominuten von meiner Wohnung in Ramallah entfernt. Das Dorf stand fünf Tage lang ohne jede Unterbrechung unter Ausgangssperre, weil ein paar unbekannte Kämpfer Schüsse auf ein Siedlerauto abgegeben haben. Eine Freundin lebt im Flüchtlingslager Deheische bei Bethlehem. Die ganze Gegend war drei Monate lang ein einziger, riesiger Käfig. Die Hauptstraßen waren ausschließlich den Juden vorbehalten. Das Recht auf Bewegungsfreiheit wird den Palästinensern nicht erst seit Beginn der Intifada vor einigen Monaten verweigert, sondern schon seit 1991. Die Fahrt von einer Ortschaft in eine andere ist nur mit einer israelischen Reisegenehmigung möglich.“ Hass reiht ein haarsträubendes Detail an das andere – das Elend der arabischen Bevölkerung, die täglichen Erniedrigungen, die ständigen Entbehrungen, der all-gegenwärtige Tod. Nach der Niederschlagung der Intifada 2004 kehrte für Israelis die Normalität zurück, und eine gewisse Ruhe. Seither schließt die israelische Öffentlichkeit bereitwillig die Augen vor dem, was die Armee in den besetzten Gebieten in ihren Namen anrichtet. „17. März 2004. Aus dem Radio klingt Musik von Bach. Drunten, im sonnigen grünen Tal unterhalb meiner Wohnung in Ramallah, grasen ein paar wohlgenährte Schafe. So normal. Und in den Flüchtlingslagern Rafah und Megahzi im Gazastreifen ist ein Angriff der Armee in vollem Gang. Am letzten Dienstag stürmten die Bewohner von Gaza die Läden, um sich für den Fall eines größeren israelischen Angriffs mit Nahrung einzudecken. Am Nachmittag wurde ein Haus in der Innenstadt von zwei Raketen getroffen. Zwei Männer wurden getötet. Zur gleichen Zeit interviewte ich einen Historiker an der Universität von Tel Aviv. Studenten lagen behaglich auf den Rasenflächen des schön angelegten Universitätsgebäudes, tauschten Meinungen und Bemerkungen aus, tranken Kaffee. So normal.“

Gesendet im Deutschlandfunk 27.November 2006

Schleichende Krise der Solidarität

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on Oktober 31, 2006 at 1:16 pm

Reiner Bernstein: Von Gaza nach Genf. Die Genfer Friedensinitiative von Israelis und Palästinensern. Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts. 2005, 182 Seiten, € 19,80

Rupert Neudeck: Ich will nicht mehr schweigen. Über Recht und Gerechtigkeit in Palästina. Melzer Verlag, Neu-Isenburg 2005, 304 Seiten, € 19,95

Der ungelöste Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hat zu einer schleichenden Krise der Solidarität mit dem jüdischen Staat geführt. Spätestens seit Beginn der massiven Besiedlung der besetzten Gebiete in den 80er Jahren wird gerade die besondere Verbundenheit der Deutschen ständig auf die Probe gestellt. In zwei neuen Büchern zum Nahost-Konflikt melden sich deutsche Autoren zu Wort, bei denen die Solidarität angesichts der Entwicklungen in Israel auf Grenzen gestoßen ist. Der eine ist Rupert Neudeck, Journalist und Gründer des Komitees Cap Anamur, den die Erlebnisse in den palästinensischen Gebieten zur einer Streitschrift veranlaßt haben. Ich will nicht mehr Schweigen, heißt sein Buch. Der andere ist der Münchner Nahostexperte Reiner Bernstein, der in seinem Buch „Von Gaza nach Genf“ alte und neue Friedenspläne bespricht. Bernstein war Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, zog sich aber wegen der Schwierigkeiten, in einer deutsch-israelischen Freundschaftsgesellschaft Kritik an der Politik israelischer Regierungen zu üben, zurück.

„Artikel 1: Das Abkommen über den endgültigen Status beendet die Epoche des Konflikts und leitet eine neue Epoche ein, die auf Frieden, Kooperation und gutnachbarlichen Beziehungen basiert.
Artikel 2: Der Staat Israel erkennt den Staat Palästina ab dessen Gründung an. Der Staat Palästina erkennt unverzüglich den Staat Israel an.“

So beginnt der Entwurf des Friedensabkommens, der im Dezember 2003 von israelischen und palästinensischen Politkern in Genf unterzeichnet wurde. Der Entwurf, die sogenannte „Genfer Initiative“, bindet niemanden, doch stellt er die bislang einzige Hoffnung auf Frieden dar, die einzige Lösung, auf die sich maßgebliche Kräfte auf beiden Seiten einigen konnten. Reiner Bernstein hat den Text erläutert und ihn in den Zusammenhang der bisherigen Friedensbemühungen gestellt. Er geht zunächst der Frage nach, warum die bisherigen Lösungsmodelle und die teilweise implementierten Osloer Verträge gescheitert sind. Auf knapp vierzig Seiten analysiert Bernstein die Faktoren, die eine Einigung gefördert oder verhindert haben. Wer sich einen knappen und verläßlichen Überblick über die Lösungsversuche seit der Friedensinitiative Anwar Sadats 1977 bis heute verschaffen will, ist hier gut bedient. Wichtigste Ursachen für das Scheitern des Friedensprozesses von Oslo, der im Camp-David-Gipfel im Sommer 2000 mündete: die Unebenbürtigkeit der Verhandlungspartner, die Weigerung Israels, sich auf ein klares Endziel einzulassen, und die Parteilichkeit des Vermittlers, US-Präsident Clinton.

„Für Martin Indyk, den damaligen US-Botschafter in Tel Aviv, verstand sich Clinton als Israels Rechtsbeistand, der Fairness und den Willen zur Umsetzung von Vorschlägen vermissen ließ. Die politische Bearbeitung der israelischen und der palästinensischen Öffentlichkeit durch Washington unterblieb. Dagegen sorgte in Israel die psychologische Kriegsführung dafür, daß für den Fall des Scheiterns die Verantwortung klargestellt war. Vor dem Treffen wurden Berichte gestreut und von den beiden auflagenstärksten israelischen Zeitungen aufgenommen, wonach Israel den besten aller möglichen Kompromisse unterbreiten werde, während die palästinensische Delegation voraussichtlich dazu neige, Entscheidungen zu vertagen.“

Bei dieser Vor-Verurteilung blieb es, auch bei den traditionellen Freunden Israels. Arafat wurde als uneinsichtiger Maximalist abgestempelt, der sein langfristiges Ziel – die Vernichtung Israels – nicht aufgeben wollte.

„Historiographisch ist das Urteil über Arafats vermeintliche Absichten zwar kaum mehr als eine Fußnote wert, aber international verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Noch 2002 glaubte Joschka Fischer an Israels „quälende Erfahrung“ mit dem Scheitern von Camp David und fragte, „ob die palästinensische Führung am Ende nicht mehr und ganz anderes wollte“.

Auch Bernsteins Analyse der „Road Map“, des seit 2003 propagierten internationalen Friedensplanes, hebt die Ungleichheit hervor, mit der die USA und die Europäische Union die Kontrahenten behandeln. Die „Road Map“ fordere nur von der palästinensischen Seite weitreichende Schritte.

„Die Israel zugedachten Verpflichtungen ließen sich kaum unverbindlicher formulieren. Dieser Bescheidenheit schloß sich das Auswärtige Amt in Jerusalem erfreut an: Es verlangte von den Palästinensern das Ende des Terrors, bevor die Vision eines palästinensischen Staates realistisch sei.“

Bernstein beendet sein Resumé der verpaßten Chancen lakonisch: „Mitte Juni 2002 begann die israelische Regierung mit dem Bau der „Trennungsmauer“. Im März 2004 zählte das von Ost-Jerusalem aus tätige „UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs“ in der Westbank 695 Sperranlagen.“

Aus den Trümmern des Friedenswerks von Oslo retteten einige führende Politiker die wichtigsten Teile und fügten sie zum Entwurf der „Genfer Initiative“ zusammen, für die Bernstein in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum wirkt. In dem im Buch vollständig übersetzten und abgedruckten Entwurf erkennt die palästinensische Seite Israel in seiner zionistischen Dimension als Staat für Juden an, dem nur ein geringer Zuwachs der arabischen Bevölkerung zugemutet werden darf, während die israelische Seite die Teilung Jerusalems akzeptiert, das zur Hauptstadt Israels und Palästinas werden soll. Israel hat sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen; durch einen Gebietsaustausch von etwa 70 qkm im Verhältnis 1:1 soll allerdings ein Teil der Siedlungen mit ca. der Hälfte der heutigen Siedlerbevölkerung in situ bleiben können. Ein Korridor mit Straßen- und Schienenverbindungen muß die Staatshälften Palästinas, Westbank und Gazastreifen, in Zukunft verbinden. Dem Plan schlägt vor allem in Israel ein äußerst ungünstiger Wind entgegen. Laut Bernstein betreiben israelische Regierungen anstatt einer Friedens- eine „Medienpolitik“, die dazu dient, die Verantwortung für die Verfestigung des Status quo den Palästinensern zuzuschieben.

„Die Genfer Initiative bleibt der letzte, fast verzweifelte Versuch eines Lösungsansatzes auf der Grundlage der politischen Vernunft. Ohne Implementierung von Vorgaben aus Genf sind neue gefährliche Etappen der Eskalation zu erwarten.“

In einem Nachwort zu Bernsteins Buch richtet sich der Leiter des israelischen Verhandlungsteams in Genf, Yossi Beilin, direkt an die deutschen Leser: „Die besonderen Beziehungen, die unsere beiden Länder verbindet, sollten in einem konstruktiven Dialog über die Zukunft und nicht allein über die Vergangenheit umgesetzt werden. Wahre Freundschaft darf nicht blinde Unterstützung und diplomatische Hängepartien auf dem Rücken dessen bedeuten, was Israel auch immer tut.“

Das ist das Thema des Buches von Rupert Neudeck: Ich will nicht mehr schwiegen. Über Recht und Gerechtigkeit in Palästina. Neudeck skizziert das Unrecht des Besatzungsregimes in der Westbank, dem er auf humanitären Missionen begegnet ist, und argumentiert, daß gerade Deutsche dazu nicht schweigen dürfen. Er kritisiert vor allem die traditionelle Zurückhaltung, die in Deutschland gegenüber Israels Vorgehen geübt wird, und den mangelnden Mut derer, die es besser wissen müßten: deutsche Politiker, Journalisten, deutsch-jüdische Publizisten.

„Recht und Gerechtigkeit leben von engagierten und couragierten Bürgern. Das wurde all die Jahre meine wichtigste Maxime. Niemals feige sein, so wie die Generation unserer Eltern feige gewesen ist, tödlich feige bis zum Tod. Israelis und Juden, besonders deutsche Juden, sollten über jeden Deutschen, der nicht mehr gewillt ist feige zu sein, froh und dankbar sein.“

Neudeck erzählt von seinen Erlebnissen in der Westbank zwischen 2002 und 2004, vom Bau der „Mauer“ und den Folgen für die arabische Bevölkerung. Er zitiert Politiker, Presseberichte, Telefonate, aber vor allem jüdische und israelische Kritiker des nahöstlichen Status quo. Sein vieltöniger Text wird von einem fiktiven Dialog mit Martin Buber begleitet. Neudeck stellt sich darin die Frage, wie die heutige Situation in den Augen des 1965 verstorbenen jüdischen Religionsphilosophen ausgesehen hätte, der einen Zweivölkerstaat in Palästina anstrebte und die gewaltsame Kolonialisierung durch die Juden ablehnte.

„Martin Buber, wie haben sie ihre Zeit erlebt? Was würden sie sagen, wenn sie sehen könnten, daß Unrat von den Wohnungen orthodoxer Juden auf die in den engen Gassen der Altstadt von Hebron herumspazierenden Palästinensern ausgeleert wird. Was wäre ihre Reaktion, wenn sie vor den Checkpoints der israelischen Armee stehen würden?“

Kritik an der Besatzung wird laut Neudeck nicht ausreichend geübt, weil die Deutschen sich in einer Schuldfalle befinden oder einfach Angst haben, in die Ecke des Antisemitismus gestellt zu werden. Hinzu kommt, daß Ausländern seit Ausbruch der zweiten Intifada der Zugang zu den besetzten Gebieten verwährt wird. Beobachtern wie Neudeck, die auf humanitärer Mission unterwegs sind, kommt daher eine besondere Rolle zu.

„Man muß nur einmal durch Teile der Westbank gefahren sein, um selbst zu sehen, daß dort kein Staat errichtet werden kann. Das Gebiet ist regelrecht untauglich gemacht worden, noch ein Staat zu werden. Große eingezäunte und von Mauern umgebene Straßen „for Jews only“ durchziehen in immer größerer Zahl das Gebiet der sogenannten Westbank. Die palästinensischen Gebiete veröden, während die israelischen Siedlungen vorzüglich angelegt sind. Während die arabischen Dörfer ringsherum kaum Trinkwasser haben, vergnügen sich die Siedler in Swimmingpools.“

Neudeck schließt sein Buch mit dem schrecklichen Menetekel der deutschen Geschichte: „Es soll keiner später sagen, er habe nicht gewußt, was in Israel geschieht. Wer es wissen will, hat genügend Möglichkeiten, sich zu informieren, wer es nicht tut, will es nicht wissen.“

Gesendet im Deutschlandfunk am 30. Januar 2006 * copyright 2006 Daniel Cil Brecher

Zionismus und Nahostkonflikt – zwei Standpunkte

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on Oktober 30, 2006 at 10:34 am

John Rose: Mythen des Zionismus. Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden. Rotpunktverlag, Zürich 2006, 333 Seiten, € 24,00

Yosef Hayim Yerushalmi: Israel, der unerwartete Staat. Messianismus, Sektierertum und die zionistische Revolution. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2006, 120 Seiten, € 19,00

Welchen Anteil hat der Zionismus, die Ideologie und politische Bewegung, die zur Schaffung Israels geführt hat, am Fortbestehen des israelisch-palästinensischen Konflikts? Ein amerikanisch-jüdischer Historiker und ein britisch-jüdischer Sozialwissenschaftler haben sich zu dieser Frage geäußert – mit entgegengesetzten Ausgangspunkten und Schlußfolgerungen.
Der an der New Yorker Columbia-Universität lehrende Geschichtswissenschaftler Yosef Hayim Yerushalmi wird von vielen als der bedeutenste jüdischen Historiker der Gegenwart gesehen. Er nahm einen Vortrag bei der Entgegennahme des Lukas-Preises der Universität Tübingen 2005 zum Anlaß, seine Sicht von der Rolle des Zionismus im Konfliktgeschehen des Nahen Ostens zu entwickeln.

„Ich möchte ihnen heute die These vorstellen, daß Zionismus und der Staat Israel einen unerwarteten Bruch in der jüdischen Geschichte darstellen, einen Aufstand gegen den jüdischen Messianismus. Weiterhin behaupte ich, daß die Anerkennung der Spannung zwischen Zionismus und Messianismus unerläßlich ist, um die Probleme zu verstehen, die dem jüdischen Staat inhärent sind.“

Der Bruch bestehe darin, so Yerushalmi, daß der Zionismus eine Erlösung vom Leiden des Exils im Hier und Jetzt propagierte, und nicht zur Endzeit, und nicht auf die Intervention Gottes oder ein Wunder warten wollte. Der Messianismus sei dadurch nicht ausgelöscht und bestehe weiter, mit potentiell katastrophalen Folgen für den Nahen Osten. Die pragmatische Suche nach einem Ende des Exils habe der Zionismus mit der Assimilationsbewegung gemein, die dem anfangs „sektiererischen“ Zionismus den Weg ebnete.

„Der Staat, der als Traum einer sektiererischen Minderheit begann, entwickelte sich zum lebenswichtigen Mittelpunkt des gesamten jüdischen Volkes. Doch im Grunde genommen waren weder die Juden noch die Welt darauf vorbereitet. Die Gründung eines solchen Staates [kam] nicht nur in der jüdischen Tradition, sondern auch in der christlichen und der muslimischen Tradition unerwartet.“

Der Verlust jüdischer Souveränität im Altertum sei von Christentum und Islam als sicheres Zeichen dafür begriffen worden, daß Gott die Juden zu Gunsten der Christen und Muslime zurückgewiesen hatte. Beide Religionen bekräftigten diese Sicht, indem sie die anschließende Erniedrigung der Juden sicherstellten. Deshalb werde auch der Staat Israel abgewiesen.

„Die Probleme, auf die Israel nach wie vor bei dem Versuch stößt, sich einen normalen Platz unter den Nationen zu sichern, können nicht nur mit dem aktuellen politischen Geschehen erklärt werden.“

Damit schließt sich Yerushalmi denen an, die eine Sonderbehandlung Israels durch die Weltgemeinschaft konstatieren und sie als eine Fortsetzung der diskriminierenden Außenseiterposition der Juden identifizieren. Nur die Gründung Israels im Nahen Osten werde als Akt des Kolonialismus gesehen, argumentiert Yerushalmi, während die Legitimität der anderen nahöstlichen Staaten, ebenfalls durch die Kolonialmächte Großbritannien oder Frankreich künstlich geschaffen, nicht in Frage gestellt werde. Diese Staaten könnten sich – im Gegensatz zu Israel – noch nicht einmal auf eine geschichtlich gewachsene nationale Identität berufen.

„Ich kenne keinen anderen Staat, der gegenwärtig nicht nur von arabischen, sondern auch von westlichen Ländern so verleumdet wird wie Israel. Das scheinbar ungewöhnlich hartnäckige Fortbestehen eines jüdischen nationalen Bewußtseins nach dem Verlust des Staates über fast zwei Jahrtausende hinweg ist eine Tatsache, die nicht abgetan, sondern vielmehr Erstaunen hervorrufen sollte.“

Dem erstaunlich einseitigen Bild Yerushalmis vom unverstandenen und verleumdeten Zionismus setzt der am Süd-Londoner Southwark College unterrichtende Soziologe John Rose, Nahost-Sprecher der britischen Socialist Workers Party, das nicht weniger einseitige Bild vom unverstandenen und verleumdeten Exil entgegen. Rose kritisiert in seinem Buch das traditionelle Zweistufenmodell der jüdischen Geschichtsauffassung, Altertum – Exil, auf das sich Yerushalmi beruft. Mit dem Exil sollen für die Juden zwei Jahrtausende der Heimatlosigkeit begonnnen haben – laut Rose aber ist das ein Mythos.

„[Der Mythos vom „Exil“] wurde zur säkularen ideologischen Waffe, zu einem Schlachtruf des jüdischen Nationalismus im 20. Jahrhundert, mit dem dieser seinen Anspruch auf Palästina historisch begründete. In der zionistischen Zeiteinteilung werden die Juden aus ihrem Land vertrieben und unter feindselige Völker verstreut, um 2000 Jahre später wieder ihre wahre nationale Identität wiederzuentdecken. Der Mythos vom „Exil“ ist ein großes intellektuelles Ärgernis.“

In der zionistischen Vorstellung waren die jüdischen Gemeinden, die sich überall in der Welt bildeten, machtlos, unterdrückt und ständiger Verfolgung ausgesetzt. Für Zionisten wie Theodor Herzl konnte nur eine Übersiedlung in die alte Heimat Palästina das Leiden von achtzehn qualvollen Jahrhunderten beenden. Laut Rose beschreibt der Zionismus eine statische, unveränderlich feindliche Welt, in der Juden keinen Frieden finden können. Eigentlich aber sei das „Exil“ eine Erfolgsgeschichte.

„Die Juden haben sich als erfolgreichste ethnische Minderheit in Bezug auf Gleichstellung und sozialen Aufstieg erwiesen. Eine Mehrheit der Juden kann sich heute mit Recht als Angehörige der Mittelschicht bezeichnen und stolz auf ihren überragenden Beitrag zu Kunst, Wissenschaft, Bildung, Medizin, Journalismus, Politik und nicht zuletzt Handel sein. Ja, es gab Leid, aber das erzählt uns nur einen Teil der Geschichte über die außerordentliche wirtschaftliche und intellektuelle Begabung, die sich über die Jahrhunderte entwickelt hat.“

In der Sicht Roses wurden die Juden nie heimatlos, sondern besaßen und besitzen eine Vielzahl von Heimaten, auch in arabischen Ländern. Trotz der problematischen Seite des Lebens in der islamischen Gesellschaft sei die Bilanz des Zusammenlebens positiv.

„Die Mehrheit der Juden lebte bis vor 500 Jahren in arabischen Ländern. Im heutigen Israel stammen über eine Million der jüdischen Bürger aus den muslimischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas. Als auffälliger Maßstab nicht nur für den Erfolg der Juden, sondern auch für ihren besonderen Beitrag zur islamisch-arabischen Zivilisation jener Zeit, kann die wirklich beindruckende Beteiligung von Juden in medizinischen Berufen gelten. Der Zionismus hat Araber und Juden entgegen der langen islamisch-arabischen Zivilisationsgeschichte auseinander getrieben.“

Das Gegenstück zum Mythos der Heimatlosigkeit sei die Mär von der Verfügbarkeit der alten Heimat Palästina, die wie durch ein Wunder durch keine andere Gruppe wirklich in Besitz genommen worden sei. Rose entkräftet den zionistischen Slogan von den Juden, dem Volk ohne Land, das ein Land ohne Volk, Palästina, zurückfordert, indem er eine Episode aus der arabischen Geschichte Palästinas erzählt – das Erblühen der arabischen Wirtschaft im Distrikt Nablus. In diesem Kapitel liegt das wirkliche Verdienst des Buches. Palästina war kein verödetes, brach liegendes Land, das von seinen Bewohnern vernachlässigt wurde, wie Shimon Peres noch 1986 behauptete. Rose zitiert den palästinensischen Historiker Beshara Doumani.

„Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts erwirtschaftete Palästina einen riesigen landwirtschaftlichen Überschuß. Auf dem Weltmarkt wurden Weizen, Gerste, Sesam, Olivenöl, Seife und Baumwolle verkauft. Zu diesem Zeitpunkt überstiegen die Exporte die Importe europäischer Fabrikgüter.“

John Rose schließt mit der Feststellung: „Der Zionismus ist das Problem, seine Beseitigung die Voraussetzung für Frieden im Nahen Osten und für arabisch-jüdische Verständigung.“

Man könnte auch das Gegenteil behaupten: Frieden ist die Voraussetzung für das Verschwinden des Zionismus, einer verhängnisvollen Ideologie, die als Reaktion – berechtigt oder nicht – auf das vielleicht nicht immer begründete aber immer präsente Gefühl von Heimat- und Schutzlosigkeit einer Minderheit entstanden ist.

Gesendet im Deutschlandfunk am 24.Juli 2006 * copyright 2006 Daniel Cil Brecher