Daniel Cil Brecher

Jüdische Identitäten in Europa nach 1945

In Vorträge on April 11, 2016 at 10:10 am

 Vortrag gehalten an der Hochschule für Musik und Tanz Köln im Rahmen des Forums Neuer Musik 2016

10. April 2016

Es fällt mir nicht leicht, nach diesen wunderbaren Beiträgen über jüdische und arabische Musik eine ganz andere Tonart anzuschlagen. Jüdische Identitäten, jüdische Eigenheiten, waren in der Vergangenheit oft Gegenstand von Mythisierungen. Wir wurden hier an eine dieser Mythisierungen erinnert – an Wagners Angriff auf Mendelssohn und Meyerbeer. Wagner warf Juden vor, dass sie keine Kunst sondern nur Kunststückchen vollbringen konnten und dass sie zu wirklicher Kreativität nicht fähig waren. Wagners Tirade gegen das Judentum war damals glaubhaft, weil er sich auf ein weit verbreitetes Gefühl der Fremdheit gegenüber Juden berufen konnte, auf ein Gefühl des Andersseins. Diese Idee des Anderseins besteht hier und da noch fort, oft unter positiven Vorzeichen. Ich hoffe, dass ich heute dazu beitragen kann, diese Vorstellungen zu entzaubern, dass ich den Mythen vom Anderssein der Juden einen Eindruck von der komplexen Wirklichkeit jüdischen Lebens gegenüberstellen kann.

Juden haben seit 1945 viele Grenzen überschritten: geographische, soziale, kulturelle, identitäre. Juden haben neuen Raum erhalten, um ihrer Ethnizität und Religiosität Gestalt zu geben, und haben ihn mit einer Diversität von Identitäten, von Formen des Jüdisch-Seins, gefüllt, die in der jüdischen Geschichte keine Vorbilder haben. Es ist deshalb noch schwerer geworden, von Juden in Europa als einer einheitlichen Gruppe zu sprechen, selbst von einheitlichen Gruppen innerhalb eines Landes. Das ist auch eine Folge des offenbar unversiegbaren Stromes jüdischer Migration, der seit 1945 in vielen europäischen Ländern ganz neue kulturelle Milieus geschaffen hat – ein russisch-jüdisches in der Bundesrepublik, ein nordafrikanisch-jüdisches in Frankreich, ein ultra-orthodoxes in Groß-Britannien, ein israelisch-jüdisches in den Niederlanden, um einige Beispiel zu nennen. Hinzu kommen die wachsende religiöse Vielfalt und die vielen neuen Formen jüdischer Säkularität. Ich werde gleich noch auf die Frage zurückkommen, was Religiosität bzw. Säkularität unter Juden heute bedeutet.

Jüdisch-Sein ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer freiwilligen Identität geworden, zu einem Lebensstil, der abgelegt oder angenommen werden kann. Das hat zum großen Teil mit der starken Abnahme der Religiosität in der westlichen Welt zu tun und der fast vollständigen Integration und Akkulturation von Juden, d.h. ihrer weitgehende Aufnahme in die Mehrheitsgesellschaft. Diese Entwicklung wurde nach 1945 durch die Abnahme des Antisemitismus sowohl in der Politik wie im gesellschaftlichen Umfeld eingeleitet und führte in der zweiten Hälfte der 20. Jahrhundert fast überall zum Fall von allen verbleibenden sozialen und wirtschaftlichen Schranken.

Die Juden in den USA sind in der scheinbar endlosen Ausdifferenzierung jüdischer Lebensformen die Vorläufer. US-Juden leben in einer Umwelt, die allem Jüdischen stark aufgeschlossen ist. In den USA spielt zudem Religion weiterhin eine große Rolle. Diese Faktoren haben Juden schon im 19. Jahrhundert in den USA den kulturellen, politischen und sozialen Raum gegeben, um zu blühen und zu gedeihen.

Hier in Europa ist die Situation für Juden komplexer und schwieriger. Aber auch hier differenziert sich jüdisches Leben immer weiter. Hier leben religiöse Juden aller Schattierungen, modern orthodoxe, streng orthodoxe, ultra-orthodoxe, konservative, liberale. Wir finden hier inzwischen Rekonstruktionistische, Renewal und humanistische Gemeinden. Hier leben Juden, die sich an alle religionsgesetzliche Regeln halten, die in der Nähe von orthodoxen Synagogen und Geschäften mit koscheren Lebensmitteln wohnen, gesellschaftlich häufiger mit Juden als mit Nicht-Juden umgehen, oder ausschließlich mit Juden, die eine koschere Küche führen, die Schabbatruhe einhalten und ihre Kinder in jüdische Schulen schicken, sei es in einen orthodoxen Cheder oder in modern-jüdische Schulen. Wir finden hier traditionell eingestellte Juden, die regelmäßig, aber nicht zu oft, Gottesdienste besuchen, zuhause die populären jüdischen Feiertage Pesach und Chanukka feiern, die einen gemischten Freundeskreis von Juden und Nichtjuden haben, die versuchen ihre Kinder jüdisch zu erziehen aber nicht mehr ihr ganzes Leben lang Mitglieder in Synagogengemeinden sind. Dann haben wir es mit einer großen, ständig wachsenden Gruppe von Juden zu tun, die nichtjüdische Partner gewählt haben und sich weder religiös noch kulturell „jüdisch“ betätigen, aber sich trotzdem jüdisch fühlen und nicht selten den Weg zurück in organisierte jüdische Gemeinschaften suchen, und manchmal auch finden, zusammen mit ihren nichtjüdischen Partnern und Kindern.

Zu diesen sehr verschieden Typen jüdischer Identifikation kommen sehr unterschiedliche lokale Einflüsse hinzu. Jude in Moskau oder in Budapest zu sein bedeutet etwas anders als Jude in London, Jude in einem Pariser Außenbezirk etwas anderes als im suburbanen Kopenhagen. Für Juden in Israel und den USA sind die kulturellen und politischen Umstände des Jüdisch-Seins wiederum ganz anders. Und – Juden sind in ständiger Bewegung, sozial und geografisch. Juden sind mit großem Abstand die mobilste aller religiösen Gruppen in der Welt.

Alle jüdischen Gemeinschaften sind durch Migration geprägt. Jüdische Migration hat einen besonderen Charakter. Neben allgemeinen Wanderungsmotiven wie Diskriminierung, Verfolgung, Krieg und Armut kommt ein spezifisches Motiv hinzu: Identitätsbehalt. Juden, die wandern, werden jüdischer. Sie assimilieren sich über jüdische Gemeinschaften im Einwanderungsland, stärken die aufnehmenden Gruppen und ihre eigene jüdische Identität. Die russischsprachigen Einwanderer in Deutschland sind ein gutes Beispiel dafür. Sie haben sich in kaum mehr als zwanzig Jahren an einige wichtige Kennzeichen des Jüdisch-Seins in Deutschland perfekt angepasst. Vergleichbares gilt für die Israelis, die in den letzten 40 Jahren in die Niederlande gekommen sind. Auch sie sind jüdischer geworden. Ein Viertel der niederländischen Juden stammt aus Israel. Sie wollen jüdische Partner haben, sie wollen ihre Kinder jüdisch erziehen und sie kommen sogar in die Synagoge, was sie in Israel wahrscheinlich nie getan hätten.

Die Migration von Juden bricht nicht ab. Im 19. Jahrhundert sind über 2 Millionen Juden von Europa in die USA gezogen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wanderten noch einmal über eine Million Juden aus den neu entstehenden Staaten Osteuropas nach Westeuropa, nach Palästina, nach Nord- und Südamerika. Nach 1945 ging die Migration von Juden weiter. Über 2,5 Millionen Juden aus Russland und Osteuropa, und fast 1 Million Juden aus arabischen Ländern verließen ihre Heimat. Ich werde auf die Details gleich noch zu sprechen kommen. Eine Studie aus dem Jahre 2012 hat ergeben, dass von den etwa 15 Millionen Juden heute 3,6 Millionen nicht in dem Land leben, in dem sie geboren sind. In anderen Worten: Ein Viertel aller heute lebenden Juden sind Migranten. Hier in der Bundesrepublik sind es weit über die Hälfte. Juden sind mit Abstand die mobilste aller religiösen Gruppen.

Ein anderer Faktor, der jüdisches Leben und jüdische Identitäten in Europa geprägt hat, ist der Holocaust. Die Folgen des Shoa bleiben bis heute sehr stark spürbar, sowohl kulturell wie demographisch. In Polen lebten vor dem Krieg über 3 Millionen Juden; 1946 etwa 200.000. Neunzig Prozent der Überlebenden wanderten in den folgenden Jahrzehnten aus. In Ungarn waren von einer Vorkriegsbevölkerung von 400.000 am Ende des Krieges noch 145.000 übrig, in Rumänien von 850.000 noch 420.000. In Griechenland überlebten 10.000 von 77.000 Juden, in den Niederlanden 25.000 von 140.000, in der Tschechoslowakei 55.000 von 360.00. Nur in Schweden, der Schweiz und in Großbritannien wuchs die jüdische Bevölkerung zwischen 1937 und 1946 an. Von den rund 10 Million Juden Europas waren nach Kriegsende weniger als 4 Millionen übrig. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt verließen dann noch etwa zehn Prozent der Überlebenden Europa und ließen sich in den USA, Israel, Australien und anderen Ländern nieder.

Die emotionalen, kulturellen und organisatorischen Folgen für die verschiedenen Gemeinschaften waren enorm. Lassen sie mich einige Beispiele aus den Niederlanden geben: In den Niederlanden hat der Krieg die demographische und ideologische Landschaft in mehr als einer Hinsicht völlig transformiert. Die Teilnahme der örtlicher Beamtenschaft an den Deportationen, die hohe Rate des Verrats von untergetauchten Juden – fast 70%, und die geringe Anteilnahme der Umwelt nach 1945 hat viel Misstrauen unter Juden gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung geschaffen. Dieses Misstrauen ist heute immer noch sehr deutlich spürbar und beeinflusst das jüdische Leben weiterhin nach innen wie nach außen.

Von den 139 Vorkriegsgemeinden konnten sich nach 1946 anfänglich 58 restituieren. Inzwischen sind es weniger. Von etwa 132.000 Juden, die am Vorabend des Krieges im religionsgesetzlichen Sinne jüdisch waren, überlebten rund 28.000 die Verfolgung, darunter etwa 8.000, die mit Nichtjuden verheiratet waren. Der Anteil von Juden mit einem nichtjüdischen Ehepartner war durch die selektiven Effekte der Verfolgung von unter 15% auf etwa 35% gestiegen. Hinzu kamen 20.000 Menschen jüdischer Herkunft, die nur einen jüdischen Vater oder jüdischen Großelternteil hatten. Die Gruppe von Juden, die mit Nichtjuden verheiratet war oder gemischten Ehen entstammte, war damit nach dem Krieg ebenso groß wie die der Juden mit jüdischen Partnern und jüdischen Eltern, möglicherweise sogar größer. Diese durch die Verfolgung entstandene demographische Ausgangsposition führte zu einer dramatischen Dynamik der Transformation jüdischen Lebens und jüdischer Identitäten. 2009 hatten laut einer Umfrage nur noch 44% der Juden einen jüdischen Partner. Unter den Kindern der Befragten hatten nur noch 26% einen jüdischen Partner. Wenn sich diese Dynamik fortsetzt, werden unter den Enkelkinder der Befragten noch 15% einen jüdischen Partner haben. Damit sinken die Chancen der Weitergabe jüdischer Identität dramatisch.

Juden im ehemaligen Ostblock standen in der Nachkriegszeit vor zusätzlichen Herausforderungen. Die Ausübung der jüdischen Religion, wie die anderer Religionen, war praktisch unmöglich. Trotz des sichtbaren Engagements vieler Juden beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft wurden sie weiterhin als  Außenseiter und potentielle Abweichler gesehen und mit Misstrauen behandelt. Viele Regimes schreckten nicht davor zurück, sich durch den Apell an antijüdische Gefühle in der Mehrheitsbevölkerung Sympathien zu verschaffen. Schon in den Fünfziger und Sechziger Jahren setzte unter Juden in Rumänien, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei eine erste Auswanderungswelle in den Westen ein, gefolgt von Juden in der Sowjetunion, von denen fast 90% ihrer Heimat den Rücken kehrten. Insgesamt haben heute etwa 70% der Juden Osteuropas ihre Ursprungsländer verlassen. Für die noch verbliebenen Juden begann mit den neu errungenen Freiheiten nach dem Fall der Sowjetunion auch die Auseinandersetzung mit den erstarkten christlichen Kirchen, mit den neu belebten Nationalismen und anti-jüdischen Strömungen in den neue entstandenen politischen Landschaften.

Im Westen haben sich nach einer Phase des Wiederaufbaus viele der Vorkriegstendenzen fortgesetzt. Die Juden integrierten sich weiter und glichen sich weiter an. Das wird in so unterschiedlichen Faktoren sichtbar wie in der Angleichung der Berufsstruktur, der Auflösung von jüdischen Wohnvierteln, in höherer Bildung und sinkenden Geburtsraten. Ein wichtiger Trend der Vorkriegszeit – die Verstädterung der Juden – wuchs durch die Wanderungsströme von Ost nach West und von nordafrikanischen Juden nach Westeuropa noch weiter an. Heute sind die Juden Europas hauptsächlich eine Großstadtbevölkerung. So wohnen mehr als 60 Prozent der französischen Juden in der Region Paris, und zweidrittel der britischen Juden in Groß-London. Ähnliches gilt für Groß-Amsterdam.

Dank besserer Bildung und Ausbildung haben Juden traditionelle Berufe und Tätigkeitsfelder größtenteils hinter sich gelassen und sind nun in der Dienstleistungsindustrie, in den freien Berufen und Wissenschaften und im öffentlichen Dienst zu finden. Jüdische Frauen haben im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung eine bessere Ausbildung genossen. Sie haben später und weniger Kinder als der Durchschnitt. Eine Ausnahme bilden die ultra-orthodoxen Gemeinschaften, die etwa zehn Prozent der europäischen Juden ausmachen. Diese Gruppen haben sich weder in ihrer Berufstätigkeit noch in der Fruchtbarkeit an die Umgebung angepasst. In einem ultra-orthodoxen Wohnviertel von Nord-London haben jüdische Frauen durchschnittlich 5,9 Kinder. Wegen Überalterung und niedriger Fruchtbarkeit der britisch-jüdischen Bevölkerung insgesamt können ultra-orthodoxe Gemeinschaften, 13% der jüdischen Bevölkerung, 40% aller Geburten unter den Juden Großbritanniens für sich reklamieren.

Überalterung, geringe Fruchtbarkeit und die Tatsache, dass ein großer Teil europäischer Juden nichtjüdische Lebenspartner wählt, hat trotz Zuwanderung zu einer allmählichen Abnahme der jüdischen Bevölkerungszahlen in Europa geführt. Gerade die steigende Zahl der Juden, die sich für einen nichtjüdischen Partner entscheidet, ist eines der deutlichsten Kennzeichen der weitgehenden Akzeptanz, Säkularisierung und Integration von Juden in Europa und illustriert das Umfeld, in dem sich jüdische Identität behaupten muss. In Schweden und Frankreich leben über 30% der Juden mit Nichtjuden, und 40% der unter 40jährigen. In den Niederlanden sind es 59%, bei den unter 40jährigen bereits 70%. In Osteuropa liegt der Anteil interreligiöser Ehen und Partnerschaften auf Grund des besonderen historischen Hintergrunds noch höher. In Russland stammen nach Schätzungen 90% der jüdischen Kinder aus Ehen mit nichtjüdischen Partnern.

Schätzungen der jüdischen Bevölkerungszahlen in Europa variieren zwischen 1,4 und 2,4 Millionen. Diese Diskrepanz ist sowohl praktischen wie ideologischen Faktoren zuzuschreiben. Wer soll als Jude gezählt werden? Nur Menschen, die von einer jüdischen Mutter abstammen, wie es seit dem Mittelalter rabbinische Tradition ist? Oder all jene, die zumindest einen jüdischen Elternteil haben, wie es seit Mitte des 20. Jahrhundert in Reformgemeinden praktiziert wird? Zählen Juden dazu, die zu anderen Religionen übergetreten sind? Oder werden einfach alle gezählt, die sich in Umfragen als Juden bezeichnen, wie es z.B. in den USA praktiziert wird? Sollen in diesem Fall die Kinder von nichtjüdischen Partnern mitgerechnet werden?

Ein großer und ständig wachsender Teil der jüdischen Bevölkerung ist zudem unsichtbar. Diese Unsichtbarkeit ist nicht nur Folge der Gefahren, der sich Juden im 20. Jahrhundert ausgesetzt sahen. Sie ist Ausdruck der europäischen Emanzipation selbst, des Wunsches von Juden, in der Mehrheitsgesellschaft Teil der Mehrheit sein zu können, und Jude unter Juden. In Bevölkerungsregistern sind Angaben über Religion meist nicht mehr zu finden, und die Zahl der sich in Umfragen selbst als Juden bezeichnenden Personen fluktuiert. Religion als Kennzeichen jüdischer Identität ist auch längst nicht mehr verlässlich. Mitgliedschaft in jüdischen Gemeinden oder Organisationen kann nicht mehr als Indikator dienen, weil eine wachsende Zahl von Juden aus religionsgesetzlichen Gründen nicht mehr Mitglied in einer Gemeinde sein kann oder weil die Bindung mit Gemeinden schwächer und weniger konstant geworden ist. Eine große und ständig wachsende Gruppe stammt nicht von einer jüdischen Mutter ab, bezeichnet sich aber in Umfragen weiter als jüdisch.

In Osteuropa sind die Unterschiede in den geschätzten Bevölkerungszahlen besonders groß. In Ungarn variieren sie zwischen 50.000 und 150.000. In der Volkszählung von 2001 erklärten sich 12.871 Ungarn der jüdischen Religion zugehörig. 2011 bezahlten rund 8.000 Steuerzahler Kirchensteuer an jüdische Synagogengemeinden. Die Stadt Budapest spricht hingegen in ihrem an ausländische Touristen gerichteten Werbematerial von einer jüdischen Bevölkerung von 110.000 in Budapest allein. In den Niederlanden waren 2009 nach einer Schätzung 45% der religionsgesetzlichen Juden Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Definiert man die Gesamtzahl der niederländischen Juden nicht auf Basis der Abstammung von der Mutter (32.000), sondern von Mutter und Vater (52.000), so sind es kaum mehr als 30%. Inzwischen sind von den etwa 55.000 Juden in den Niederlanden nur noch etwa 7.000 Mitglied in Gemeinden.

Um Juden zählen zu können, greifen Demografen schon lange zu unkonventionellen Methoden. So suchen sie nach jüdischen Namen in Telefonbüchern, rufen an und fragen „Sind sie Jude?“. Oder sie benutzen schon jahrzehntelang dasselbe Sample, befragen also alle fünf oder zehn Jahre dieselben Menschen und extrapolieren die Veränderungen.

 

Welche Folgen haben alle diese Entwicklungen auf die Formen des Jüdisch-Seins und die Themen jüdischer Identifikation?

Ich will im Folgenden auf drei Identitätsmuster von Jüdisch-Sein näher eingehen, bei denen jeweils andere Elemente im Vordergrund stehen. Das ist einmal Religion und Religiosität, dann Ethnizität und Nationalität und schließlich Geschichte und Kultur. Diese Elemente kommen natürlich sowohl getrennt wie gemischt vor.

  1. Religion und Religiosität

Bei einer Umfrage unter Juden in Deutschland 2009 bezeichneten sich 13% der Befragten als orthodox oder ultra-orthodox. 22% fühlten sich mit dem liberalen und konservativen Judentum verbunden. Der Rest, etwa 65%, sah sich als nicht-religiös, wobei etwa die Hälfte angab, bestimmte Elemente der religiösen Tradition weiter zu pflegen, während die andere Hälfte sich als ganz und gar säkular bezeichnete. In den Niederlanden gaben im Jahre 2009 bei einer Befragung nur 4% an, orthodox oder ultra-orthodox zu sein. Weitere 11% bezeichneten sich als religiös, aber ohne sich an alle Gebote zu halten. 41% pflegten noch gewisse Gebräuche während 44% aussagten, überhaupt keinen jüdischen Bräuchen mehr zu folgen. Die Gruppe der Juden, die sich in Europa nicht mehr hauptsächlich über Religion als jüdisch identifiziert, liegt bei 60-80%.

In den USA bezeichneten sich im Gegensatz dazu 2013 immerhin noch 70% als religiös aktiv, wobei sich die Hälfte mit der Reform-Bewegung identifizierte. 10% bezeichneten sich als orthodox. 30% gaben an, nicht religiös zu sein.

Umfragen haben ergeben, dass ein sehr großer Teil der Traditions-Pfleger, also die, die zum Beispiel jüdische Feiertage zu Haue feiern oder in der Synagoge, oder zum Beispiel kein Schweinefleisch essen, dies nicht aus Glaubensgründen tun, sondern um ihre Verbundenheit mit dem Judentum ausdrücken und um sozialen Umgang mit anderen Juden zu pflegen. Ähnliches gilt für Synagogenbesuche. Eine Umfrage unter orthodoxen Synagogenbesuchern in Amsterdam hat schon in den 30er Jahren gezeigt, dass die Hälfte der Besucher überhaupt nicht an Gott glaubte. Für dieses Verhalten gibt es eine Formel: Herr Cohen geht in die Synagoge, um mit Gott zu sprechen, und Herr Levi geht in die Synagoge, um mit Herrn Cohen zu sprechen. Eine Untersuchung unter Juden in Kopenhagen im Jahre 2000 hat gezeigt, dass gerade die aggressiv säkulare Umwelt Juden dazu bewegte, die Pflege jüdischer Kontakte und Aktivitäten hinter die Mauren der Synagoge zu verlegen.

2008 fand eine Studie in den USA, dass 80% aller Protestanten und 60% aller Katholiken an Gott als Person glaubten, aber nur 25% der Juden. 58% der Protestanten und 42% der Katholiken besuchten einmal in der Woche eine Gottesdienst, aber nur 26% der Juden. Trotzdem waren 55% der befragten Juden Mitglied in einer Synagogengemeinde.

Bei einer Mehrheit der Juden sind die Pflege der Tradition, die Mitgliedschaft in einer Gemeinde und der Synagogenbesuch Ausdruck des Wunsches nach Identitätsbehalt, nicht des Glaubens. Eine Zahl aus der US-Umfrage belegt dies deutlich. 18% der US-Protestanten schicken ihre Kinder in einen Konfessionsschule, 20% der Katholiken aber 27% der Juden.

Trotz der relativen stark ausgeprägten Säkularität von Juden gibt es eine große und ständig wachsende Vielfalt der religiösen Observanz. Die Ultra-Orthodoxen oder Haredim, wie die strenggläubigen chassidischen und nicht-chassidischen Gruppen meist genannt werden, haben einen Anteil von etwa 10%. Von den 1,3 Millionen Haredim wohnen mehr als die Hälfte in Israel, etwa eine halbe Million in den USA und jeweils etwa 28.000 in Frankreich und England. Fast 90% der haredischen Weltbevölkerung wohnt in zwei Dutzend großen Gemeinschaften, in und um die Stadt New York, in Jerusalem und in Randgemeinden von Tel Aviv.

Die ultra-orthodoxen Juden stehen für ein besonderes Modell jüdischer Identität – Juden als klar unterscheidbare religiöse und soziale Gruppe, die zudem noch wegen des Zugangs zu Synagogen und Schulen, zu Dienstleistungen und koscheren Lebensmitteln dicht beieinander wohnt. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Anders-Seins ist unter diesen Gruppen stark ausgeprägt. Bei anderen jüdischen Strömungen sind soziale und berufliche Integration und weitgehende kulturelle Assimilation schon seit Mitte des 19. Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil des jüdischen Wegs in die Moderne. Bei den Haredim bleibt säkulare Bildung weitgehend verpönt und eine externe Berufsausbildung meist unmöglich. Die daraus resultierenden schlechten beruflichen und ökonomischen Chancen verschärfen die Armut und vergrößern ihre Isolation. Ihr Lebensstil bedeutet nichts weniger als die völlige Ablehnung des westlichen Weges der Emanzipation.

In vielen europäischen Ländern stellen die orthodoxen Gemeinden weiterhin die Mehrheit dar. In Großbritannien gehören 13% der Ultraorthodoxie an, 50% modern orthodoxen und konservativen Strömungen und 30% liberalen. In den Niederlanden sind die orthodoxen und die liberalen Gemeinschaften etwa gleich groß. Orthodox bedeutet allerdings meist nur, dass der Gottesdienst nach orthodoxen Grundsätzen gestaltet wird, Speisegesetze und Schabbat-Regeln eingehalten werden und personenrechtliche Fragen auf Basis des orthodoxen Religionsrechts geregelt sind, u.a. die Frage der jüdischen Abkunft. Die Gemeindemitglieder sind in der Mehrzahl nicht orthodox.

Seit Beginn der Neunziger Jahre sind parallel zu den orthodox und liberal ausgerichteten Gemeinden in fast allen europäischen Ländern progressive, ultra-liberale Gemeinden entstanden. In Städten wie Amsterdam, London und Paris sind in Anlehnung an US-Trends Erneurungs- und LGBT-Gemeinden oder egalitäre Gemeinschaften entstanden, die sich an die Außenseiter des Gebetsbetriebes oder des Gemeindelebens richten: an Frauen, die im traditionellen Gottesdienst keine Funktion haben, und an Juden und ihre meist nicht-jüdischen Partner, die wegen sexueller Orientierung oder mangelnder Abstammungserfordernisse von etablierten Organisationen abgewiesen werden. Am ultra-orthodoxen Rand hat sich in vielen europäischen Städten die Chabad-Bewegung angesiedelt. Chabad – eine Akronym für Chochma, Bina, Daat – Weisheit, Einsicht, Glaube – ist ein Arm der Chassidischen Lubavitscher Gemeinschaft, mit Hauptquartier in New York. Diese Bewegung hat überall in Europa „Schluchim“, Abgesandte, stationiert. Auch sie repräsentiert etwas ganz Neues: innerjüdische Missionstätigkeit. Chabad will Juden zum Judentum zurückbringen und Juden verschiedener Denominationen miteinander verbinden.

 

  1. Beim zweiten Identitätsmuster spielt Ethnizität und Nationalität die wichtigste Rolle.

Wir haben gesehen, das jüdischer Religiosität sich nicht mit Glaube deckt. Juden, die sich über Ethnizität oder Nationalität als Juden definieren, pflegen religiöse Traditionen und jüdische Kultur, um ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gruppe, zum jüdischen Volk oder zur jüdischen Nation zum Ausdruck zu bringen. Auch hinter diesem Identitätstypus verbirgt sich eine Vielzahl an jüdischen Lebensstilen und Verhaltensweisen. Für die einen sind Juden die ausschließliche „Wir-Gruppe“. Andere wiederum sehen ihr Judentum als Teil einer komplexeren, heterogenen Identität.

In der Bundesrepublik ist dieses Identitätsmuster, in dem Ethnizität und Nationalität die Hauptrolle spielt, stark verbreitet, viel stärker als in anderen Ländern. Jüdisch-Sein und Deutsch-Sein wird hier vielerorts als unvereinbar gesehen. In der Umfrage unter deutschen Juden aus dem Jahre 2009 bezeichneten sich zum Beispiel 88% der Befragten als stark mit Israel verbunden und nur 3 % als gar nicht. 46 % gaben an, dass sie sich nicht mit der deutschen Nation verbunden fühlten. In der Altersgruppe unter 40 fühlten sich rund 50 Prozent der alteingesessenen Juden und rund 70 Prozent der russischsprachigen Juden überhaupt nicht oder nur sehr bedingt Teil der deutschen Nation. Während bei den Einwanderern noch eine Bindung an das Herkunftsland eine Rolle spielte, spiegelt dieses Ergebnis vor allem das Identitätsmuster der alteingesessenen Juden in Deutschland wieder.

Dieses Identitätsmuster ist bereits aus der Nachkriegszeit bekannt. In einer 1963 entstandenen sozialpsychologischen Studie, der ersten dieser Art in Westdeutschland, wurden in Deutschland aufgewachsene jüdische Jugendliche mit der Frage konfrontiert: In welchem Land möchtest Du am liebsten bzw. am wenigsten gerne wohnen. Die USA und Israel standen an der Spitze der beliebtesten Länder, die Bundesrepublik und die Sowjetunion an der Spitze der unbeliebtesten. Selbst Arabische Länder schnitten besser ab.

Ein niederländischer Jude hingegen wird sich selbstverständlich sowohl als Niederländer und als Jude sehen und wahrscheinlich die Frage „Bist du Jude oder Niederländer“ überhaupt nicht begreifen. Das Gros der europäischen Juden, das Ethnizität und Nationalität als Hauptelement angibt, praktiziert ein offenes Identitäts-Modell. Für sie besteht ihr Judentum aus einem flexiblen Netzwerk kultureller und religiöser Verbindungen und sozialer Kontakte zu Juden wie zu Nichtjuden. Sie sind genau so oft Mitglied in Gemeinden, wählen ebenso häufig jüdische Partner und lassen ebenso so oft ihre Kinder jüdisch erziehen wie Juden in Deutschland. Aber ihre jüdischen Identifikationen und Verhaltensmuster schließen nicht-jüdische Identifikationen weniger aus.

 

  1. Geschichte und Kultur

Vor kurzem brachte der britische Sozialforscher Jonathan Boyd die Fragen nach dem Zustand der europäischen Diaspora auf eine einfache Formel: Weniger Juden, mehr Judentum. Den quantitativen Aspekten jüdischer Existenz – weniger Kinder, mehr Ehen mit Nichtjuden – stellte er qualitative Aspekte gegenüber – eine größere Differenzierung im religiösen Angebot und mehr kulturelle Aktivitäten. Fast jede europäische Stadt, die über eine organisierte jüdische Gemeinschaft verfügt, hat inzwischen ein jüdisches Filmfestival, jüdische Literaturtage, eine jüdisches Studienzentrum oder Museum, oder zumindest ein jüdische „Lehrhaus“. Dies mag mit der prosaischen Umstand zu tun haben, dass in einem radikal säkularisierten Europa Kultur staatlich gefördert wir, außer-christliche Religionen aber nicht. 2010 hat eine Studie 200 jüdisch kulturelle Vereinigungen in der EU unter die Lupe genommen. Die Verfasser der Studie nannten die Vereine „Start-Ups“ und sprachen von „Innovation“ und „innovativen Investitionen“. Bei den „Start-Ups“ handelt es sich vor allem um örtliche kulturelle oder gesellschaftspolitische Initiativen, die von Freiwilligen getragen werden. Die Sprache verrät, welche Botschaft hier ausgetragen werden soll. Analog zu den Internet-Start-Ups wird hier suggeriert, dass Juden sich mitten in einer Innovationswelle jüdischer Überlebenstechnologie befinden, einer Welle, die nicht von den großen jüdischen Intuitionen getragen wird, sondern von innovativen und flexiblen kulturellen Kleinunternehmern, und natürlich von staatlichen Fördermitteln.

Neben Gottesdiensten bieten jüdische Gemeinden ihren Mitgliedern mehr und mehr säkulare Programme. Dieses Angebot wir auch von der wachsenden Gruppe von Nichtmitgliedern Anspruch genommen, die von den Dienstleistungen der Gemeinden sporadisch Gebrauch macht. Veranstaltungen über Israel und mit Israelis, Konzerte, Tanz-Aufführungen, Filme und Theater gehören seit langem ebenso zum Gemeindeleben wie Bingo- oder Bridge-Abende und Kaffee-Fahrten. Inzwischen stehen diese säkularen Programme auf der Liste der Aktivitäten ganz oben. In den Nachrichtenblättern, Programmheften oder auf den Internetseiten von Gemeinden muss man lange suchen, bis man Informationen über Gottesdienste finden kann, ehedem das Kerngeschäft einer Gemeinde. Diese kulturelle Programmierung, bei der sich jüdische Schriftsteller, Musiker, Sänger und Tänzer aus Israel und dem Rest der Welt die Klinke in die Hand geben, ist ein wichtiger Motor der Globalisierung jüdischer Kultur geworden. Wo früher ein Gastrabbiner einen Vortrag über eine obskure Figur der jüdischen Religionsgeschichte hielt oder ein Gast-Vorsänger aus Israel einen Gottesdienst leitete, informieren sich junge Leute nun über die letzten Trends in der israelischen oder amerikanisch-jüdischen Film-Kunst.

Alle diese unterschiedlichen Bedürfnisse an Jüdischkeit, sie alle können inzwischen bestens bedient werden. Hier äußert sich die andere Seite der zunehmenden Liberalisierung: Juden haben mehr Freiheiten, ihr Judentum selbst zu gestalten, und fühlen sich weniger an Traditionen und Institutionen gebunden. Durch die fortschreitende Säkularisierung verliert Religion zwar an Boden, aber religiöse Praxis und jüdisch-säkulare Kultur profitieren von diesem Trend.

Säkularisierung und Liberalismus drängen Juden also zur mehr Diversität und neuen Überlebensstrategien. Der Judaismus a la carte, der dadurch entsteht, ist vielen Traditionalisten ein Dorn im Auge, aber er bringt viele Menschen zurück in den Gottesdienst, in den Schoß einer Gemeinde oder zumindest ins jüdische Kino. Diese Anpassungsprozesse spiegeln sich auch in den Gemeindestatistiken wieder. So hat sich in Großbritannien der Trend zum Auszug aus den Gemeinden in den letzten zehn Jahren abgeflacht. Nach einer starken Abnahme in der Mitgliedschaft von Synagogengemeinden in den Achtziger und Neunziger Jahren bleiben die Mitgliederzahlen seit Beginn des neuen Jahrtausends stabil. Immerhin sind noch Dreiviertel aller Haushalte mit einem jüdischen Haushaltsoberhaupt einer jüdischen Gemeinde angeschlossen. Die orthodoxen Richtungen haben dabei Mitglieder an die liberaleren Denominationen abgeben müssen.

 

Schluss:

Wenn sie einen jüdischen Historiker bitten, über die Frage jüdischer Identitäten zu sprechen, wird er wahrscheinlich mit einer Frage über die Frage kommen: Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit diesem Thema? Was wollen wir, über die Geschichte von einzelnen Musikern und Komponisten hinaus, eigentlich wissen? Ein Stichwort, das hier gefallen ist, lautet „Vielfalt“, die kulturelle Vielfalt von Juden. Was wollen wir wissen über die Anpassung an andere Kulturen, die mit einem Leben in der Diaspora einhergeht, die kulturelle Mehrsprachigkeit von Juden, wie der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks es ausgedrückt hat?

Die Frage des kulturellen Pluralismus geht heute weit über das Interesse an jüdischer Kultur hinaus. In Folge von Hunger, Krieg und Armut, von Sklavenhandel und Kolonialismus, sind viele neue Diaspora-Gemeinschaften entstanden, die einen festen Platz in westlichen Gesellschaften gefunden haben oder finden wollen. Für diese neuen globalen Gemeinschaften mit ihren mannigfaltigen kulturellen und ökonomischen Querverbindungen haben wir heute wieder den abschätzigen Begriff des „Ghettos“ eingeführt, oder den der „Parallelgesellschaften“, und ihnen damit den vakanten Platz der Juden zugewiesen, nicht nur begrifflich. Was können wir aus den Erfahrungen der jüdischen Diaspora, der ältesten Diaspora in Europa, für die Situation dieser neuen transnationalen Gemeinschaften lernen? Unser Thema berührt hier eine der Grundfragen des modernen Europa: Wie erhalten ethnische oder religiöse Minderheiten ihre Identität, während sie sich gleichzeitig die Kultur der Mehrheitsgesellschaft aneignen und einen Platz in ihr fordern.

 

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