Daniel Cil Brecher

Babylonische Sprachverwirrung

In Buchbesprechungen Jüdische Geschichte on November 1, 2006 at 9:28 am

Von Daniel Cil Brecher

Antisemitismus – Antizionismus – Israelkritik.
Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 2005
Herausgegeben vom Minerva Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv; Herausgeber: Moshe Zuckermann. Wallstein Verlag Göttingen, 446 S., 44 €

Auch wenn der Titel und die Herkunft des Bandes anderes vermuten lassen – das Buch ist keine Anklage sondern eine Verteidigungsschrift. Der Herausgeber und die vierundzwanzig Autoren des Jahrbuchs wehren sich gegen die polemische Verknüpfung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik in der Öffentlichkeit und verteidigen das Prinzip, diese drei Phänomene getrennt zu betrachten, in der Politik wie in der Wissenschaft. Die meisten der hier vertretenen Forscher sind deshalb Ziel von Anfeindungen geworden.
Die politische Aussage des Buches ist deutlich: Auch die schärfste Kritik am Handeln Israels und an seiner Staatsideologie, dem Zionismus, ist nur selten durch Judenfeindschaft eingegeben und darf nicht von vornherein als ein Akt des Antisemitismus betrachtet werden und damit als verwerflich. Der Bezugsrahmen des Bandes ist die jüngste Vergangenheit – die Gewalt in Israel und den besetzten Gebieten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada, die Zunahme von Angriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen in Europa und die Schlußfolgerung, die von israelischen Politikern und Sprechern jüdischer Verbände daraus gezogen wurde. Die Schlußfolgerung nämlich, daß die tätlichen Angriffe auf Israelis und Juden und die verbale Attacken gegen Israel Teil einer neuen, globalen Welle der Judenfeindschaft sind.

Die erste Salve des Bandes stammt von Georg Kreis, Basler Ordinarius für Neuere Geschichte, Vorsitzender der eidgenössischen Antirassismuskommission und selbst Zielscheibe von häufigen Angriffen in der Schweizer Presse. Er nimmt jedes Glied der Verkettung von Antisemitismus und Israelkritik einzeln aufs Korn. „Antisemitismus hat es schon vor der Gründung des jüdischen Staates gegeben, und er besteht auch weiter unabhängig von Israel. Für überzeugte Antisemiten kann Israelkritik gewiß eine der willkommenen Gelegenheiten zur Manifestation von Judenfeindlichkeit sein. Was man an Juden aussetzen zu können glaubt, wird potenziert am jüdischen Staat bemängelt. Das hat aber mit Kritik nichts zu tun, ist vielmehr lediglich die Anwendung negativer Vorurteile.“

Israelkritik sei erst dann antisemitisch, wenn sie sich auf die Ideenwelt der traditionellen Judenfeindschaft beziehe, wenn zum Beispiel israelische Politiker oder us-amerikanische Juden als heimliche Drahtzieher des Weltgeschehens dargestellt werden. „Das Problem ist dabei die Vorstellung des globalen Komplotts und der Heimlichkeit des Einflusses, nicht aber zwangsläufig die Feststellung des Einflusses. Es ist nämlich nicht antisemitisch, wenn man etwa bemerkt, daß Juden gemessen an ihrer Zahl einen überproportionalen Einfluß auf die einzig übriggebliebene Supermacht haben.“

Kreis nimmt sich insgesamt zehn solcher Fragen vor: Gibt die Kritik an Israel dem Antisemitismus neue Nahrung? Werden die Handlungen des Staates mit einem besonderen Maßstab gemessen? Und: Ist der Vergleich von Taten der israelischen Armee mit denen der Nationalsozialisten von vorn herein antisemitisch? „Desgleichen werden auch die amerikanische Armee oder die französische Polizei mit SS-Schergen gleichgesetzt. So unangemessen diese Vergleiche sind, weil sie das Bezeichnete überzeichnen und die nationalsozialistischen Schandtaten verharmlosen – antisemitisch ist das nicht.“

Eine der Thesen, die Kreis aufgreift und verwirft, ist das Aufkommen eines „Neuen“ Antisemitismus. Dieser Sichtweise zufolge sind die Bombenanschlägen auf Israelis, die tätlichen Angriffe auf Juden in Europa und die verschärfte Kritik an Israel ein neues, globales Phänomen, in dem sich die traditionellen Träger des Antisemitismus, also konservative und rechte Strömungen in Europa, mit amerika- und israelfeindlichen Tendenzen unter Arabern und Moslems vereinen.
Der Philosoph Brian Klug, Fellow der Universität Oxford und Redakteur der englisch-jüdischen Zeitschrift „Patterns of Prejudice“ bezeichnet diese Idee in seinem Aufsatz als die Zwangsvorstellung vom „globalen Krieg gegen die Juden“. Brian Klug analysiert eine Reihe von populären und wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Jahre, verfaßt von Juden oder Israelis, die Parallelen ziehen zwischen der Intifada in den besetzten Gebieten, dem „Angriff“ auf das Diaspora-Judentum, wie es wörtlich in einer der Publikationen heißt, und den Attentaten in New York und Washington am 11. September 2001. Juden, der Staat Israel und die USA werden als Zielscheiben einer globalen „Intifada“ gesehen, eines Zivilisationskampfes, deren Urheber im Dunkeln bleiben. Sie entstammen jenem Schattenreich, das uns laut Klug als „Netzwerk des Terrors“ oder einfach als „Terrorismus“ präsentiert wird. Unsere Gegner im Kampf um das Überleben des Westens sind ungreifbar, wie einer der von Klug besprochenen Autoren es so unvergleichlich auszudrücken weiß.

„Es ist, als ob wir uns in einem schlechten Film befinden, in einem jener Filme, in denen der Widersacher uns immer wieder aufs Neue angreift, immer wieder aufsteht, auch wenn wir ihn gerade getötet haben. Wer kann die Welt noch von diesem Wahnsinn befreien, der die Juden und den Westen zu vernichten droht?“

Eine Reihe israelischer Autoren befaßt sich kritisch mit dem Antisemitismus-Diskurs unter israelischen Intellektuellen, in dem der palästinensische Kampf gegen Besatzung und Unterdrückung oft in die Nähe der Nazi-Verbrechen gerückt wird. Einige gehen auch den Verbindungen von klassischem Antisemitismus und anti-jüdischen Feindbildern unter Moslems nach. Vier Aufsätze des Sammelbandes beschäftigen sich neben dem politischen und medialen Diskurs mit den manifesten, weniger zweideutigen Formen der Judenfeindschaft, also den zunehmenden Angriffen auf jüdische Einrichtungen und einzelne Juden. Auch hier stehen die politischen und wissenschaftlichen Kontroversen der letzten Jahre im Mittelpunkt, also die Vorwürfe der Instrumentalisierung des Antisemitismus durch Israel einerseits, und andererseits der Verharmlosung der Judenfeindschaft in den Medien und unter islamischen Jugendlichen. Die Beiträge bieten uns auch einen Nachhall des Konflikts zwischen zwei wichtigen europäischen Institutionen – dem Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und der europäischen Beobachtungsstelle für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Wien.

Die Welle antijüdischer Übergriffe im Frühjahr 2002 wurde in den Medien von der Kritik an den zeitgleichen israelischen Militäroperationen in Dschenin und Bethlehem begleitet. Unter politischem Druck bestellte die EU-Kommission eine Studie über mögliche Verbindungen. Im Auftrag der Wiener Beobachtungsstelle wurde sie vom Zentrum für Antisemitismusforschung ausgeführt, aber nach Fertigstellung nicht veröffentlicht. Bestimmte Folgerungen der Studie gingen den Auftraggebern zu weit: nämlich, daß die Gewalt durch ein negatives Bild Israels in den Medien vorbereitet wurde und islamische Jugendliche von einem neuen, islamischen Antisemitismus beeinflußt seien.
In einem der wichtigsten Beiträge des Bandes beschäftigt sich der Duisburger Sprachwissenschaftler Siegfried Jäger mit den Methoden dieser und anderer Studien und gelangt überraschend zu einer grundsätzlichen Kritik an den Konventionen dieses Forschungszweiges. Es herrsche „babylonische Sprachverwirrung“ über den Antisemitismusbegriff. Er führe nicht zufällig zu Fehlschlüssen, sondern zwangsläufig. Die Frage, ob eine journalistische Metapher, die Ariel Scharon und Donald Rumsfeld um ein Goldenes Kalb tanzen läßt, schon einen Verweis auf die „Weltverschwörungstheorien“ des klassischen Antisemitismus beinhalte, beantwortet Jäger so: „Das Symbol vom Goldenen Kalb kann als antisemitisches Stereotyp wirken, es muß aber nicht als solches gelesen werden. Die Frage ist immer, ob es als solches gemeint ist und auf wen es als solches wirkt. Das Bemühen um Eindeutigkeit bleibt einem Denken verhaftet, das eine 1:1-Relation zwischen Sprache und Wirklichkeit unterstellt. Damit wird den Wörtern etwas aufgebürdet, daß sie überhaupt nicht zu leisten imstande sind: Wahrheiten zu enthalten, die objektiv und überall gültig sind.“

Die Frage, wo die Grenze zwischen begründeter und antisemitisch motivierter Israel-Kritik liege, sei praktisch nicht zu beantworten. Aussagen über Juden oder Israel in den Medien müßten im Einzelfall und in ihrem gesamten diskursiven Kontext analysiert werden, um zu eindeutigen Schlüssen kommen zu können. In jedem Fall verschiebe sich jeweils die Grenze je nach politischer Ausrichtung des Sprechers und des Rezipienten, je nach Land, Kultur und sozialer Schicht . Daß europaweite Studien zu verzerrten Ergebnissen und schließlich zu Streit führen, ist also kein Zufall. Jägers Fazit: Der in den Studien verwendete Antisemitismusbegriff ist brüchig und für jedwede Analyse untauglich.
Die in diesem Band versammelten Autoren verteidigen ihre Positionen mit wissenschaftlichen Argumenten, in Polemiken gegen Kollegen, die hinter der vorgehaltenen Hand des Fachjargons vorgebracht werden, und in scharfen, brillanten Gegenangriffen. All das macht diesen uneinheitlichen, schlecht oder gar nicht redigierten Band packend und lesenswert.

Gesendet im Deutschlandfunk am 30.Mai 2005

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  1. […] Daniel Cil Brecher hatte dies für den Deutschlandfunk rezensiert […]

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