Daniel Cil Brecher

Grenzen

In Vorträge on Februar 28, 2011 at 4:12 pm

Vortrag gehalten am 25. Februar 2011 in der Kreuzkirche Hannover

Wir haben uns eine einfache Frage gestellt. „Vor welchen Aufgaben stehen wir heute, die wir den Menschen im Nahen Osten Frieden wünschen.“ Die Antwort ist viel weniger einfach. Die Aufgaben, vor denen wir stehen, sind äußerst komplex, und der Frieden, den wir für den Nahen Osten wünschen, scheint von Jahr zu Jahr weniger erreichbar. Ich will hier auf einen dritten Aspekt der Frage zu sprechen kommen, auf eine implizite Konstruktion, die bei weitem komplexer ist, als sie scheint: Ich meine das Wir in diesem Satz. Wer ist Wir? Die Deutschen, die Christen, die Juden, die Moslems. Jedes Wir zieht Grenzen, und ich möchte sie einladen, mit mir über diese Grenzen nachzudenken.

Ich bin in Israel geboren, kam aber schon als kleines Kind 1953 nach Westdeutschland. Ich wuchs hier in einer Zeit und Umgebung auf, in der alte und neue Grenzen eine große Rolle spielten, Grenzen, die sehr fühlbar waren, aber nicht sichtbar sein dürften. Anfang der Fünfziger Jahre wurde der Wiederansiedlung von Juden, der so genannten “Wiedergutmachung“ und der Aussöhnung eine zentrale Bedeutung zugewiesen. Dies war einer der Gründe, die meine Eltern, mein Vater hatte bis 1936 in Berlin gelebt, dazu bewegt haben, nach Deutschland zurückzukehren. 1949, kurz vor Gründung der Bundesrepublik, hatte der US-Hochkommissar John McCloy gerade ein neues Verhältnis der Deutschen zu Juden zum „Prüfstein ihrer Gesittung und eines echten demokratischen Aufbauwillens“ erhoben. Die Aufforderung an Juden, sich in Deutschland wieder zuhause zu fühlen, war hauptsächlich eine politische Geste, bei der die Frage der kollektiven Selbstbilder der Bundesrepublik und die Selbstdarstellung im Ausland immer im Hintergrund standen, und vielleicht auch im Vordergrund. Die menschliche Seite fehlte meist.

Meine Generation und ich erfuhren sehr schnell, dass nationalistische Denkbilder und Grenzziehungen weiter bestanden, ja sich sogar noch verstärkt hatten. Der Gegensatz von “Deutschen“ und “Juden“, im Entstehen einer nationalen deutschen Identität von Anfang angelegt und in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Hetze noch verschärft – war als Identität und Kontinuität stiftender Gegensatz in der anhaltenden Krise der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht weniger wichtig geworden. Wer “Jude“ war, konnte auch weiterhin kein “Deutscher“ sein und umgekehrt. Der Neubeginn von 1945 hatte in dieser Hinsicht nur den Effekt, diese Haltungen und Gefühle in den Untergrund zu treiben. Offiziell herrschte ein politisch korrektes Wunschdenken vor. Politiker sprachen nun von „jüdischen Menschen“ und hofften, die negative Konnotation von „Jude“ und das völkische Denken, das dahinter stand, zu überwinden. Das alte Gegensatzpaar “Deutscher“ und “Jude“ wurde durch die neue, zusätzliche Bedeutung “Opfer“ und “Täter“ zwar moralisiert, aber gleichzeitig in eine politisch korrekte Form gebracht, die den alten Inhalt verdeckte.

Das Verhältnis zu den jüdischen Bürgern der jungen Bundesrepublik, und zu Juden überhaupt, konnte sich nur auf einem Wege verändern: durch eine ehrliche Auseinandersetzung mit den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft und dem Holocaust, durch eine Selbstbefragung des Einzelnen und des Kollektivs, durch eine Auseinandersetzung, die opportunistische Selbstbilder erst einmal zerstörte, und sie nicht einfach durch neue Wunschbilder ersetzte. Die pauschalisierenden, unpersönlichen Konstruktionen von „Täter“ oder „Tätergesellschaft“ halfen eher dabei, diese Auseinandersetzung zu vermeiden.

Der gerade gegründete Staat Israel spielte in diesem Prozess eine ganz besondere Rolle. Die westdeutsche Nachkrieggesellschaft begann gerade damit, sich nach einer langen Periode der Wortlosigkeit über die so genante „Vergangenheit“ zu Juden und zu Israel hinzuwenden. Die Hinwendung zu Juden war sehr schwierig. Der Staat Israel allerdings fühlte sich Anfang der Fünfziger Jahre bedroht und ohne Freunde und war schnell bereit, sich mit der Bundesrepublik einzulassen, in den Verhandlungen über Entschädigungsleistungen und Waffenlieferungen. Ende der Sechziger Jahre schrieb die deutsch-jüdische Journalistin Inge Deutschkron im Rückblick auf diese Zeit:

„Israel, der Staat der Juden, wurde in der deutschen Öffentlichkeit zum beliebten Gesprächsthema. Es war einfacher, sich mit ihm zu befassen als mit den Juden in Deutschland, mit denen man Seite an Seite leben musste. Israel war weit, man konnte es vorbehaltlos bewundern.“ Bei der westdeutsche Hinwendung zu Israel entstand – in der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust – ein umfassendes Wunschbild vom jüdischen Staat und seinen jüdischen Bürgern. Die Juden dort, die Israelis, wurden als anders empfunden, frei vom Makel des Diasporajudentums. Sie wurden als Juden empfunden, die den Holocaust in gewisser Weise überwunden hatten, durch die Schaffung und so tapfere Verteidigung ihres eigenen Staates. Für viele Deutsche war das eine angenehme, willkommene Vorstellung, eine Vorstellung, die auch von Israelis aus eigenen Gründen verbreitet und gefördert wurde.

Das Schicksal der arabischen Bewohner Palästinas, deren Heimat zerstört war und von denen viele, eine Mehrheit, flüchten mussten oder vertrieben wurden, dieses Schicksal fand in der deutschen Öffentlichkeit noch keinen Widerhall. Dieses spezifisch deutsche Israel-Bild, seine Idealisierungen und Auslassungen, wurde zuerst von Einzelnen propagiert, von Politikern und von Vertretern der Kirchen, die das Schweigen über die deutschen Verbrechen während des Holocausts durchbrechen wollten und nach einem Dialog mit Juden und Israelis suchten. Erst in den späten Sechziger Jahren wurden diese Vorstellungen Allgemeingut. Ein idealisierendes Israel-Bild wurde zu einem wichtigen Element der politischen Identität der Bundesrepublik und seiner Eliten, zum Symbol der West-Orientierung und des erfolgreichen Wandels zu Demokratie, Toleranz und Liberalismus.

In den kleinen jüdischen Gemeinschaften der Nachkriegszeit, in denen ich aufwuchs, spielte die Schaffung Israels auch eine große, eine außergewöhnliche Rolle. Der Sieg des Zionismus und die Schaffung Israels wurde von unseren Eltern und von meiner Generation als Schlusspunkt einer außergewöhnlichen, ja mythischen Entwicklung betrachtet – als der Triumph des gerade so sehr gepeinigten und fast vernichteten Jüdischen Volkes über seine Feinde, als ein Richterspruch der Geschichte, der das durch Antisemitismus und Holocaust verursachte Leiden des Volkes endlich ausglich. Die Folgen und menschlichen Kosten der Schaffung des Staates waren kaum jemanden bewusst. Auch wir wollten unbedingt in die Gerechtigkeit und Folgerichtigkeit der Errichtung des jüdischen Staates glauben.

Diese Ideen gruben sich tief in meine jüdische Identität ein, aber auch in meine deutsche, und machten alle späteren Auseinandersetzungen mit Israel und Zionismus zu einer Auseinandersetzung mit mir selbst. So war für mich ein politisches und historisches Nachdenken über Israel, Deutschland und Palästina kaum möglich ohne einen Prozess der Selbstverständigung und, wenn sie so wollen, der Grenzüberschreitungen.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit litt ich persönlich sehr darunter, dass ich nicht „Jude“ und „Deutscher“ zugleich sein konnte. Ich wollte beides sein, das eine nicht ohne das andere. Als ich in Anfang und Mitte der Sechziger Jahre mit meinen nichtjüdischen Freunden umging, wurde ich von meiner jüdischen Umgebung deshalb abgelehnt und ausgeschlossen. Wenn ich mit meinen jüdischen Freunden umging, wurde ich von meiner nichtjüdischen Umgebung dafür mit Misstrauen betrachtet und kritisiert. So kehrte ich 1976 nach Israel zurück, in der Hoffnung, dort dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Unvollkommenseins zu überwinden.

Auch dieser Versuch, eine eindeutige Identität zu erlangen, als Jude oder Israeli, scheiterte. Erst an dieser Stelle in meinem Leben begab ich mich in einen anhaltenden Prozess der Selbstverständigung über mein Judentum, meine jüdische Kindheit im Nachkriegsdeutschland und die prägenden Kräfte, denen ich innerhalb der jüdischen Gruppe und der nichtjüdischen Umwelt ausgesetzt war. Ich möchte Ihnen von diesem Prozess, der nun etwa dreißig Jahre zurückliegt, etwas erzählen.

Als ich 1976 von Deutschland nach Israel übersiedelte, kehrte ich zwar in mein Geburtsland zurück, war aber in jeder anderen Hinsicht ein Neuling. 1976 war ich noch Anhänger der zionistischen Grundüberzeugungen – dass die Juden ein Recht darauf hatten, sich in ihrer alten, biblischen Heimat niederzulassen; dass der arabische und palästinensische Widerstand gegen die zionistische Unternehmung nicht gerechtfertigt sei; dass Israel in Selbstverteidigung handelte. Fünf Jahre später waren meine Ideen völlig verändert. Ich fand, dass den Palästinensern großes Unrecht angetan worden war und weiter angetan wurde – durch die aufgezwungene Ansiedlung von Juden in Palästina seit den 20er Jahren, durch die gewaltsame Schaffung und „ethnische Säuberung“ des Staates 1948, durch die permanente Besiedlung der 1967 besetzten Gebiete. Auch die ethnische Dominanz der Juden im Land, das zionistische Sine Qua Non Israels, betrachtete ich inzwischen mit anderen Augen. Wie konnte ich als deutscher Jude ein solches völkisches Prinzip von Nation und Nationalität hinnehmen? Dass dies auch noch als Entschädigung für die Verfolgung von Juden in christlichen Ländern und als einzige denkbare Folgerung aus dem Holocaust dargestellt wurde, machte mich besonders ärgerlich. Israel musste der Staat aller seiner Bürger werden und den Zionismus ablegen.

Mit diesen Meinungen stand ich in fast totalem Gegensatz zu vielen meiner Freunde und Kollegen und zu den meisten Israelis. Die große Mehrheit ging davon aus, dass es die Juden waren, die durch die arabische Feindschaft gegenüber dem zionistischen Unternehmen und Israel großes Unrecht erlitten hatten und durch Terror und Gewalt weiter erlitten; dass die politische Unreife, Intoleranz, und der Antisemitismus der Gegenseite eine friedliche Lösung unmöglich machten; dass nur eine auf militärischer Stärke beruhende Politik das Überleben Israels sichern könne. Die Kurzform dafür lautete: „Sie“, die Palästinenser, „verstehen nur eine Sprache: Gewalt“.

Diese verschiedenen Haltungen gegenüber den israelisch-palästinensischen Grundfragen bedeuteten nicht allein Unterschiede in der politischen Meinung. Hier lief eine ideologische Grenze, ein tiefer Graben, der in Israel Juden und Araber schied und innerhalb der jüdischen Gesellschaft Freund und Feind. Wie tief dieser Graben war, begann ich erst jetzt zu spüren. Hier standen sich unterschiedlichen Interpretationen der jüdischen Geschichte gegenüber, verschiedene Sichtweisen der Ursprünge des Nahostkonflikts; hier bildeten Mythen und Legenden ein wirres, fast undurchdringliches Dickicht. Und hier spielten Fragen der Identität eine große, entscheidende, Rolle. Wer Jude in Israel war, hatte nichts mit den Arabern gemein, und umgekehrt. Jude und Araber in Israel, das schloss sich aus. Ein Wechsel von einer Seite der Grenze zur anderen hatte große Folgen. Wer als Araber in jüdischer Gesellschaft umging, traf auf bodenloses Misstrauen. Wer als Jude in arabischer Umgebung verkehrte, stieß auf Argwohn und Ablehnung.

Mir machte vor allem Sorgen, dass die eigenen Untaten durch die Fixierung auf die Untaten der anderen fast unsichtbar wurden. Der moderne, jüdisch-nationalistische Mythos von den Juden als immerwährende Opfer von Verfolgung und Unrecht, die immer das Recht auf ihrer Seite hatten, spielte dabei eine wichtige Rolle. War die Feindseligkeit der Palästinenser nicht doch eine neue Variante der alten Judenfeindschaft? Die oft gewalttätige, manchmal antisemitische Sprache der arabischen Seite schien das zu bestätigen. Israelische Regierungen wurden nie müde, dies in ihrer Öffentlichkeitsarbeit herauszustellen. Dabei waren diese Feindbilder nur Begleiterscheinungen eines Konflikts, dessen Ursachen woanders lagen. Arabische Regimes bedienten sich antisemitischer Stereotypen, um die eigen Bevölkerung loyal, hass- und kriegsbereit zu halten; jüdische Israelis steckten voll entmenschlichender, rassistischer Vorurteile gegenüber der arabischen Gesellschaft, die es möglich machten, die Menschen auf der anderen Seite zu verachten, ihre Menschenrechte mit Füßen zu treten und sie, wenn es sein musste, zu töten. Weil der Mythos vom permanenten Opferstatus der Juden so eng mit der Schaffung Israel verbunden war, geriet derjenige, der Zweifel an der moralischen Überlegenheit des zionistischen Unternehmens vorbrachte, fast in die Position eines Leugners von Verfolgung und Judenmord.

All dies resultierte in einer völlig einseitigen, unrealistischen Sicht des Konflikts und seiner Ursachen. Wenn die eigene Seite so völlig unschuldig war, konnte die Feindschaft der Palästinenser nur auf kulturellen und religiösen Gegensätzen beruhen – auf der vermeintlichen Intoleranz des Islam gegenüber anderen Religionen, auf der politischen Unreife der arabischen Gesellschaft, die keine Minderheiten dulde, und so weiter. Das Gefühl herrschte vor, dass sich Israel und die Israelis nichts oder kaum etwas zu Schulden kommen ließen oder vorzuwerfen hatten. Auf eine falsche Diagnose aber folgt eine falsche Therapie, und die macht das Leiden noch schlimmer.

Ich war 1978 in das israelische Militär eingetreten und wurde 1982 in den aktiven Dienst zurückgerufen, als Israel den Libanon angriff. Für mich bedeutete dieser Krieg eine ganz persönliche Herausforderung. Er wurde zum Test meiner Solidarität gegenüber dem Staat, gegenüber Israelis und Juden, gegenüber dem Prinzip der ethnischen Verbundenheit, das den Kern des jüdisch-nationalistischen und zionistischen Grundkonsenses formte. Meine Haltung zum Krieg wurde zur Identitätsfrage und führte mich schließlich zwei Jahre später zu einem Entschluss, der mein Leben verändert hat: Ich verweigerte den Befehl, die Grenze zum Libanon zu überschreiten.

Während der ersten Kriegsmonate fühlte mich ständig zwischen Solidarität mit dem Land und der Armee und der Abscheu vor Nationalismus und Militarismus der israelischen Gesellschaft hin und her gerissen wurde. Der Krieg im Libanon schien für mich, neben den politisch-moralischen Fragen, die er für alle aufwarf, immer mehr zum persönlichen Konflikt zu werden. Alle Fragen, die meine Einwanderung und mein Leben in Israel betrafen, erschienen dringlicher und profunder als sonst. Die jüdische Gemeinschaft Israels, der ich mich so spontan und ein wenig leichtfertig angeschlossen hatte, befand sich im Ausnahmezustand und forderte Solidarität und Opferbereitschaft von ihren Mitgliedern. Ich stand vor der Frage: War ich dazu willens und in der Lage? Der Krieg stieß mich an die Grenzen meiner Möglichkeiten, mich mit dieser Gesellschaft zu identifizieren und zu solidarisieren.

Zu spüren bekam ich dies am deutlichsten, wann immer ich mit der ethnisch definierten „Menschlichkeit“ meiner Umgebung konfrontiert wurde. Im Gegensatz zu den meisten Menschen um mich herum galt mein Mitgefühl den Opfer Israels in einem ebenso großem Maße als den getöteten und verwundeten Soldaten auf der eigenen Seite. Die „anderen“ waren immerhin das Ziel eines brutalen, unprovozierten Angriffs geworden, und mit ihnen fühlte ich mich auch solidarisch. Dem Primat der ethnischen Solidarität, das von mir eine Identifizierung mit Juden und Israel forderte, konnte ich nicht länger folgen. Auch den Argumenten der Protestbewegung, dass die israelische Armee im Libanon selbst Opfer war, Opfer der Machenschaften einer skrupellosen Regierung unter Menachem Begin und Ariel Sharon, konnte ich mich nicht anschließen. Der Krieg hatte mich praktisch dazu gezwungen, zwischen dem Prinzip der ethnischen Solidarität und dem Humanismus und Universalismus meiner deutschen Nachkriegserziehung zu wählen.

Was mir als Bürger des Staates und als Erziehungsoffizier immer mehr zu schaffen machte, war die fortschreitende Entmenschlichung der Gesellschaft. Die Kampagnen von Terror und Gegenterror trugen viel zu dieser wachsenden Schrankenlosigkeit bei. Die pauschale und rücksichtslose Manier, mit der die Gegenseite angegriffen wurde, bezeugte nicht nur die fehlende Achtung vor der Menschlichkeit des Gegners, sie unterhöhlte auch die Menschlichkeit der eigenen Gesellschaft.

In Israel war und ist es üblich, über Persönlichkeit und Leben von militärischen und zivilen Opfer ausführlich in den Medien zu berichten. Angehörige und Freunde erzählen über die Getöteten und bezeugen öffentlich ihre Trauer. In den Zeitungen und den Fernsehnachrichten ist es zur Regel geworden, Bilder von verzweifelten, weinenden Menschen zu zeigen. In Radiosendungen wird minutenlang vor offenem Mikrophon geschluchzt. Diese inzwischen ritualisierte öffentliche Inszenierung dient dazu, die Menschlichkeit und Individualität der Getöteten hervorzuheben, die Güte, Warmherzigkeit und Humanität der eigenen Gesellschaft und die Härte und Unmenschlichkeit des Gegners. Neben Gefühlen der Solidarität und Anteilnahme werden damit auch Aggressionen und das Bedürfnis nach Rache geschürt. Vor allem aber enthalten solche Rituale die verborgene Botschaft, dass der Gegner unmenschlich ist und keine menschliche Behandlung oder Rücksichtnahme verdient.

In Israel herrscht die tief verwurzelte Überzeugung vor, dass die jüdische Gesellschaft einen viel höheren Grad an Sittlichkeit besitzt als die des Gegners, dass der Verlust von Menschenleben viel schwerer wiegt und dass, umgekehrt, in der arabischen Gesellschaft Menschenleben billig sind. Diese rassistische Typisierung wird scheinbar dadurch bestätigt, dass die Opfer der eigenen Gewalt anonym und unsichtbar bleiben. Meist bekommt der israelische Bürger über Aktionen der Armee ein sehr knappes, formales Kommuniqué zu hören, in dem lediglich über den Einsatz gegen „Terroristen“ die Rede ist und davon, dass die eigenen Truppen keine Verluste zu verzeichnen hatten. Damit scheint das wichtigste gesagt. Die Opfer der eigenen Gewalt bleiben ungezählt, ungenannt und gesichtslos. Wer sich über sie informieren will, muss sich an ausländische Nachrichtenmedien wenden.

Auf der palästinensischen Seite ist ein nationalistischer Totenkult entstanden, der vergleichbare Wirkungen hat. Hier ist es der im Kampf gegen den Besatzer gefallene „Märtyrer“, dem die Jugend nacheifert und dessen Vorbild die Politik beflügelt und radikalisiert. Das einsame Vorgehen des Kriegers, sein unausweichlicher Tod im Kampf gegen einen überlegenen Gegner und seine Belohnung im Jenseits sind archaische Motive, hinter denen sich die Verblendung des Selbstmörders, sein unnützer Tod und die verwüstende Wirkung einer mit Nägeln gefüllten Bombe verbergen lassen. Sein Bild taucht auf Postern und Videobilder auf, sein Name wird in militärischen und zivilen Einrichtungen verewigt, um ihn kreisen Mythen und Legenden. Die Entmenschlichung des Feindes, schlechthin alle Israelis oder kurzerhand „Juden“, macht es möglich, die Tötung von unbewaffneten und wehrlosen Zivilisten, darunter viel zu oft Kinder, als mutige Aktionen und glorreiche Heldentaten hinzustellen und zu verharmlosen. Kritik an der brutalen Terrorstrategie palästinensischer Gruppen, die nicht wenig zur Verschlimmerung und Verlängerung palästinensischen Leids beigetragen hat, ist in den ganz seltenen Fällen, in denen sie öffentlich geäußert wird, nur in ausländischen Medien zu finden.

In der israelischen Gesellschaft spielt die konventionelle Glorifizierung und Verharmlosung von Gewalt kaum eine Rolle. Das Selbstbild des israelischen Soldaten ist das eines zum Kampf gezwungenen Pazifisten. Besonders auffallend in dieser Selbstsicht ist das „Erleiden“, die subjektive Unschuld und Drangsal des Einzelnen, der „schießt und weint“, wie es in einer bekannten israelischen Redewendung heißt. Diese Haltung entspricht dem Grundtenor israelischer Apologetik, der Idee der zwar rechtmäßigen aber widerwilligen Notwehr gegen eine scheinbar ungerechtfertigte arabische Aggression, ein historischer Mythos, der die eigene Passivität in Hinsicht auf die Ursachen und die Dynamik des Konflikts herausstellt. Diese Selbstidentifikation als Opfer, verstärkt durch die scheinbaren Parallelen in der jüdischen Geschichte, wirkt dabei nicht weniger mystifizierend und betäubend als die Verherrlichung von Gewalt.

Wo die Idee von Notwehr und eine stark übertriebene, die Wirklichkeit kaschierend Vorstellung von der eigenen Humanität und der Minderwertigkeit des Gegners so bedingungslos vorherrschen, wird oft aus einem besonders verdrehten, rassistischen Gefühl für Proportionalität gehandelt. Der Einschlag einer von Palästinensern im Gazastreifen abgefeuerten Granate in den Feldern eines israelischen Kibbuzes gilt oft genug als Rechtfertigung für einen unverhältnismäßig harten Gegenangriff mit vielen Toten und Verletzten, meist unter Zivilisten. So wird die Idee von der „Billigkeit“ arabischen Lebens in grausame Realität umgesetzt. Überfälle auf israelische Armeepatrouillen im bis ins Jahr 2000 besetzten Südlibanon, bei denen Soldaten zwar verletzt wurden, aber keine vitalen Sicherheitsinteressen Israels im Spiel waren, lösten Gegenaktionen aus, die Zehntausende Zivilisten zur Flucht zwangen. Die Verantwortung dafür wurde ganz selbstverständlich den gegnerischen Organisationen zugewiesen, deren Aktionen den Vergeltungsschlag ausgelöst hatten.

Auch wenn diese Argumente oft vor der Weltöffentlichkeit gebraucht werden, ihr eigentliches Ziel war und ist die eigene Bevölkerung. Es sind die eigenen Bürger, deren Zweifel an der Angemessenheit und Menschlichkeit des israelischen Handelns beschwichtigt werden müssen. Ähnlich steht es mit Ursprung und Geschichte des Konflikts. Die eigenen Schuld und Verantwortung für die Kriege, für die Zerstörung und das Unglück des Nachbarvolkes, wird abgehalten hinter hohen Mauern von Verdrängung und Verleugnung.

Das Verhältnis zu den Arabern bildet das schwierigste Kapitel des israelischen Alltags, das ich als Neuling lernen musste. Die Haltungen und Meinungen der Juden gegenüber den Arabern als dem historischen Gegner, als den Mitbürgern im Staat Israel und als der unter israelischer Besatzung lebenden Bevölkerung in den Gebieten sind, nachdem an allen anderen ideologischen Fronten inzwischen Ruhe herrscht, zum Hauptthema des Zionismus geworden. Die Einstellung zu dieser Gruppe formt den Klebstoff der jüdischen Gesellschaft im Lande. Kein anderes Thema ruft soviel Emotionen hervor, keine andere Frage vermag die Anhänger von Zionismus und jüdischem Nationalismus so deutlich von den Dissidenten und Gegnern des Zionismus zu scheiden. Wer sich in einer Unterhaltung unter Juden vorurteilsvoll, abschätzig oder aggressiv über „die“ Araber auslässt, wird meist fraglose Zustimmung erhalten oder, im schlimmsten Fall, als übereifriger Patriot erscheinen. Wer für die Rechte der arabischen Bürger streitet oder sich um die Lage in den Besetzten Gebieten sorgt, gilt schnell als Verräter oder als jemand, der unter einer bei Gegnern von Jüdischen Nationalismus und Zionismus weit verbreiteten Krankheit leidet, dem „Jüdischen Selbsthass“.

Bei der arabischen Minderheit in Israel erinnerten mich das quälende Gefühl der Erniedrigung und der ständig unter der Oberfläche lauernden Groll gegenüber der Mehrheit an die Situation der deutsch-jüdischen Bevölkerung in der Nachkriegszeit. Diese Wut stand in einer eigentümlichen Spannung zu der Sehnsucht nach Anerkennung als Opfer. Der Wunsch nach der Bestätigung des eigenen Leids und nach Anerkennung von Schuld ist bei allen Opfern von Gewalt und Unrecht zu finden. Bei den Juden wurde dieser Wunsch durch das öffentliche Schuldbekenntnis Deutschlands und die Entschädigungsmaßnahmen zum großen Teil erfüllt. Angesichts der ungebrochenen Verdrängungshaltung der israelischen Juden bleibt bei den Arabern Israels und der Gebiete dieses Bedürfnis völlig unbefriedigt.

Die Beziehung der israelischen Juden zu ihren arabischen „Mit“-Bürgern, der Gruppe von Arabern, die 1948 im jüdischen Staatsgebiet blieben, ist äußerst kompliziert. Auf der einen Seite sind es Mitglieder einer ethnischen Minderheit, deren Rechte und Freiheiten in den Augen der Israelis als Beweis für den freiheitlichen und demokratischen Charakter des Staates dienen müssen. Auf der anderen Seite repräsentieren sie den Gegner, mit dem seit Beginn der zionistischen Besiedlung um das Territorium gestritten wird, den Feind des Bürgerkrieges von 1947/48 und der Konflikte danach und die so genannte „tickende Zeitbombe“ des hohen Geburtenüberschusses, der in den Augen der Mehrheit den „jüdischen Charakter“ des Staates bedroht, ein viel gebrauchter Euphemismus für die Vorherrschaft der Juden im Land. Vor allem aber stehen die Araber Israels stellvertretend für eine Bevölkerung, die von den Juden erniedrigt, beraubt und verdrängt wurde, ohne dass die jüdische Gesellschaft dafür bislang die Verantwortung zu tragen bereit ist.

Der quasi offiziellen Geschichtsversion Israels zufolge haben sich die Araber Palästinas durch ihren unentwegten Widerstand gegen die Ansiedlung von Juden und die Schaffung eines jüdischen Staates selbst ins Unrecht gesetzt. Die Juden übten dieser Sicht zufolge allein ihr Recht auf Selbstverteidigung aus, zögernd und widerwillig, und fügten dem Aggressor dabei unerwartet eine empfindliche Niederlage zu. Der Exodus der arabischen Bevölkerung aus dem zukünftigen jüdischen Staatsgebiet, der das bis heute ungelöste Flüchtlingsproblem schuf, war dieser Version nach allein Schuld der arabischen Führung und der arabischen Bevölkerung selbst.

Das war eine Geschichtsversion, die vielen nur zu gut passte, auch außerhalb Israels.

Die Spannung zwischen Mythos und Wirklichkeit ist auch in der Frage der „historischen“ Ansprüche auf das Land zu spüren. Die Idee des Primats der jüdischen Ansprüche, aus dem die Minderwertigkeit arabischer Rechte folgt, basiert auf dem romantisch-nationalistischen Mythos der „Rückkehr“ der Juden und der „Wiederherstellung“ eines Jüdischen Staates. Diese Mischung aus religiösen Messiashoffnungen und modernen nationalistischen Vorstellungen wird noch durch die Idee der historischen Wiedergutmachung angereichert. Dieser viel zielbewusstere Mythos geht von einer Schuld der christlichen Länder aus, die in der historischen Diskriminierung und Verfolgung von Juden begründet liegt und durch eine Bevorzugung der jüdischen gegenüber den arabischen Ansprüchen beglichen werden soll. Die Entscheidung der Kolonialmacht Großbritannien 1917, die Bestrebungen der damals noch kleinen und unbedeutenden zionistischen Vereinigung mit dem Versprechen einer Jüdischen Heimstätte in Palästina zu belohnen, wird von vielen bis heute in diesem mythischen Zusammenhang gesehen. Auch die Araber Palästinas, die von Anfang an gegen das von Großbritannien erworbene pro-zionistische Völkerbundsmandat von 1920 stritten, erblickten in dieser kolonialistischen Anmaßung die Sühneleistung der christlichen Völker gegenüber den Juden, dessen Kosten sie nun zu tragen haben.

Die Idee der Rechtmäßigkeit jüdischer Ansprüche auf Palästina und die Auffassung von der durch unbegründete arabische Aggression aufgezwungenen Selbstverteidigung wurden durch viele Jahrzehnte hindurch von der öffentlichen Meinung in der westlichen Welt mitgetragen. Die Haltung der Regierungen in Großbritannien, in den USA, der Bundesrepublik Deutschland und anderer Länder, die für die Ansiedlung von Juden, die Schaffung von Israel und die Festigung des nach 1948 eingetreten Staus Quo mit verantwortlich sind, hat den Prozess der Verdrängung und Umdeutung des Geschehen noch weiter gefördert und damit die Chancen einer Verständigung mit den Arabern ständig verkleinert. Die Folgen sind nicht nur in den jüdisch-arabischen Beziehungen in Israel, sondern auch im schlechten Verhältnis zwischen den arabischen Ländern und den Staaten Europas und Nordamerikas zu spüren.

Als Kind von Verfolgten, der auch noch im Deutschland der Nachkriegszeit aufgewachsen war, musste ich mich früher oder später mit einer grundlegenden Idee reiben. Israel war als Staat für Juden geschaffen worden und wird auf vielerlei Weise als Staat der Juden erhalten, mit Gewalt. Wie konnte ich mich als Mitglied einer Minderheit, die wegen ihre ethnischen und religiösen Sonderheit verfolgt worden war, mit dem Prinzip einer ethnisch definierten Staatsbürgerschaft, und der Ungleichheit, die es schafft, versöhnen?

Der Charakter Israels als „jüdischer Staat im Lande Israel“, wie es in der Unabhängigkeitserklärung heißt, ist in einer Reihe von Grundgesetzen festgeschrieben. Im Grundgesetz über das Parlament, die Knesset, wird Israel als „der Staat des Jüdischen Volkes“ definiert. In einem anderen Grundgesetz, dem Rückkehrgesetz, wird jedem Juden das Recht zugesprochen, in Israel einzuwandern. Dieses Recht erstreckt sich auf die nichtjüdischen Verwandten ersten Grades eines Einwanderers, der damit sein Recht auf Staatsbürgerschaft auch auf nichtjüdische Eltern, Ehepartner und Kinder übertragen kann.

Den nichtjüdischen Bürgern des Staates, und den ehemaligen Bewohnern, die 1949 und 1967 geflohen sind, steht dieses Privileg nicht zu.

Weil es zur Abfassung einer Verfassung bisher nicht gekommen ist, dient die im Mai 1948 verkündete Unabhängigkeitserklärung auch weiterhin als Quelle allgemeiner ethischer Prinzipen und staatlicher Ziele. Im selben Satz, in dem jüdische Einwanderung und das „Einsammeln der Verstreuten“ zum staatlichen Auftrag erklärt wird, verspricht der Staat, auch die Wohlfahrt aller Bewohner zu mehren und ihre Rechte und Freiheiten auf der Basis völliger Gleichheit zu schützen. Diese zwei Aufgaben, die Förderung jüdischer Interessen in Israel und anderswo, und die Wahrung der Interessen aller Bewohner des Landes ungeachtet ihrer Religion, Rasse und ihres Geschlechts, stehen in einem deutlichen Widerspruch. Dieser Widerspruch kommt in der Ungleichheit von jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerungsteilen zum Ausdruck, aber er geht auch darüber hinaus.

Eine 1994 verabschiedete Gesetzesnovelle, Abschnitt 13 des Strafrechts, illustriert dieses Problem. Das Gesetz gibt dem israelischen Strafrecht bei Vergehen im Ausland Gültigkeit, aber nicht nur bei Vergehen gegen Körper, Gesundheit und Besitz von Israelis, sondern auch bei Vergehen gegen Juden und jüdischen Besitz. Bei der Verabschiedung des Gesetzes betonte der damalige Justizminister, dass es sich dabei um einen Schutz gegen Vergehen handelte, die sich gegen Juden als Juden richteten, und sich nicht auf Vergehen erstrecke, die aus anderen Motiven gegen Juden gerichtet seien. Damit werde dem Charakter des Staates Israel als Staat des jüdischen Volkes Ausdruck gegen. Dies ist eine einmalige und äußerst bizarre Konstruktion und schafft eine einseitige, von den Beschützten nicht beeinflussbare Verbindung zwischen dem Wohl des Staates und dem der Juden und jüdischer Einrichtungen im Ausland.

Der Charakter des Staates als Bewahrer des jüdischen Ethnos schränkt die Rechte aller Bürger des Staates ein, nicht nur der moslemischen und christlichen. In keinem anderen demokratisch-säkularen Land wird einem Juden zum Beispiel verwehrt, einen nichtjüdischen Ehepartner zu nehmen. In Israel ist dies nur über den Umweg einer Heirat im Ausland und der nachträglichen Anerkennung der Ehe im Inland möglich. In keinem anderen demokratischen Land wird ein jüdisches Kind zum Besuch einer Schule mit jüdischem Lehrplan verpflichtet. Mit anderen Worten, in keinem anderen Land wird ein Jude durch staatliche Mittel zum Erhalt der eigenen Gruppe und Kultur gezwungen.

Israel ist nicht der Staat seiner Bürger und will es auch nicht sein – Israel sieht sich als das Instrument der jüdischen Nation. Israel ist auch kein Einwanderungsland im herkömmlichen Sinne, da weder für die Einwanderer noch für die aufnehmende Gesellschaft ökonomische Gründe im Vordergrund stehen. Alte Menschen werden ebenso aufgenommen wie junge, gut ausgebildete ebenso wie ungeschulte. Der Staat hat bis heute die Einwanderung von Juden weder gesteuert noch beschränkt. Solange eine ungebremste Einwanderung für den demographischen Wettlauf mit der arabischen Minderheit erforderlich bleibt, wird die israelische Gesellschaft auch weiterhin ihre Ressourcen der Integration der heimkehrenden Teile des Staatsvolks zur Verfügung stellen müssen.

Zum Schluss will ich auf eine Grundfrage Israel zu sprechen kommen, die mich in vieler Hinsicht am meisten beschäftigt hat – die der Grenzen. Ich meine damit nicht nur die geographischen Grenzen, sondern die Grenzziehungen innerhalb der Gesellschaft, also die Frage der Identität Israels als Staat, als jüdischer Staat, als demokratischer Staat, oder, wie ein Teil der Zionisten es will: als jüdischer UND demokratischer Staat. Und die Grenzziehungen in Hinsicht auf die Bürgerrechte: die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden.

Israel hat in all diesen Hinsichten, nach 60 Jahren des Bestehens, immer noch keine festen Grenzen, ja kaum ein klar umreissbares Territorium, weder geographisch noch politisch, das dieses Land eindeutig charakterisiert.

Israel hat sich selbst noch keine geographischen Grenzen gegeben. Unterschiedliche Regierungen haben zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Territorien beansprucht. Das liegt zum einem an der fehlenden historischen Kontinuität. Mit der oft zitierten Ausnahme eines einzigen Dorfes gibt es keinen Ort im historischen Siedlungsgebiet, in denen Juden kontinuierlich gelebt haben. Die jüdischen Gruppen, die sich hier im Laufe der Jahrhunderte aufhielten, unterlagen den gleichen Fluktuationen, den gleichen Wanderungsfaktoren, wie andere Diaspora- Gemeinden. Die Bindung der Juden an ihre ursprüngliche Heimat, auf die sich der Zionismus berief, hatte längst einen spirituellen Charakter angenommen, und das historische „Land Israel“ war weniger ein konkreter als ein mythischer Ort. Außerdem lagen die Grenzen der biblischen Reiche, so weit sie bekannt waren, fernab der modernen zionistischen Ansiedlungen entlang der Mittelmeerküste, die in biblischen Zeiten ausgerechnet von den Philistern, den Palästinensern, beherrscht worden war.

Zu Beginn der zionistischen Einwanderung war das historische Siedlungsgebiet kaum noch von Juden bewohnt. Die Bildung der Nation war also zuerst ein Akt der Kolonisierung und Unterwerfung des Raumes. Dies geschah allmählich. Die Zionistische Bewegung hatte von Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts ab immer da Land aufgekauft, wo sich gerade ein arabischer Verkäufer fand, und so eine ständig wachsende Zahl von landwirtschaftlichen Siedlungen geschaffen. Das Ziel war, Juden anzusiedeln und mit ihrer Hilfe die wirtschaftlichen, politischen und räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, um noch mehr Juden anzusiedeln. Ab Mitte der Dreißiger Jahre, als sich die Teilung des Landes abzuzeichnen begann, bekam die Besiedlung noch eine zusätzliche Funktion – die Eroberung des arabischen Raumes durch Zersiedlung. Durch den gezielten Ankauf von Ländereien und die Errichtung von versprengten Siedlungen in arabischen Ballungsgebieten konnte der Anspruch auf späteren Einschluss in das jüdische Staatsgebiet begründet werden. Die von der UNO 1947 eingesetzte Teilungskommission versuchte in monatelangen Sitzungen, das Problem des zersiedelten Raumes zu lösen und um die unzusammenhängenden jüdischen Siedlungsgruppen herum eine Grenze zu ziehen. Trotz der vielen Lösungen, die gefunden wurden, enthielt der auf diese Weise gezielt erweiterte jüdische Raum eine große Zahl von arabischen Bewohnern und damit schon das Motiv für die spätere Vertreibung und Verdrängung der arabischen Bewohner des jüdischen Hinterlands.

Diese ebenso skrupellose wie kurzsichtige Politik der Zersiedlung des arabischen Raumes wird seit 1967 in den Besetzten Gebieten fortgesetzt. Die Durchsetzung des arabischen Raumes als Strategie zur Rückgewinnung des gesamten „Landes Israel“ bleibt so auch weiterhin der Kern der jüdisch-arabischen Tragödie.

Israel hat auch keine eigenen politischen Grenzen. Die Idee der jüdischen Nation entwickelte sich in kaum mehr als dreißig Jahren vom Konzept der landwirtschaftlichen Kolonien für notleidende Flüchtlinge über die Idee einer Heimstätte mit internationalem Charter und einem föderativen jüdisch-arabischen Bundesstaat zum jetzigen Zustand eines durch Juden beherrschten bi-nationalen Staates, in dessen Kern eine ethnische Demokratie herrscht und an dessen Peripherie sich eine koloniale Herrschaft ausgebreitet hat. Der Staat Israel bleibt dadurch, trotz all seiner nationalstaatlichen und kolonialistischen Elemente, im Wesen die sich ständig verändernde Hülle einer sich noch entwickelnden nationalen Idee, eine Hülle, die sich langsam mit Menschen und mit Wirklichkeit füllt und dabei die inneren und äußeren Grenzen laufend verschiebt. Aus dieser Dynamik entsteht die große Energie, die manche an Israel bewundern, aber auch die große Unruhe und Unberechenbarkeit, unter der alle Bewohner, Juden und Araber, weiter leiden.

Zum Schluss die ethnischen Grenzen: Jüdische Israelis habe sich eine Konstruktion des Wir geschaffen, die einen Teil der Bürger ausschließt, aber auch jüdische Israelis selbst begrenzt. Sollte eines Tages die jüdische Bevölkerung des Landes den romantisch-nationalistischen Traum der staatlichen Renaissance ausgeträumt haben und die Wahnidee von ethnischen Reservaten – eines großen für Juden und eines kleineren für Palästinenser – dort gelandet ist, wo alle diese Idee landen, im Jurassic Park der Nationalismen, wird es auch andere Gründe geben, um diese Grenzen zu erhalten: zum Beispiel die Einkommensunterschiede zwischen jüdischen und nichtjüdischen Israelis, zwischen Israelis und den Bewohnern der Gebiete, die größere sind als die zwischen dem US-Bundesstaat Arizona und dem mexikanischen Bundesstaat Sonora. Ein Wegfall der Grenzen würde bedeuten, dass die Wohlhabenderen auf der einen Seite der Grenze ihren Reichtum mit den Ärmeren auf der anderen teilen müssten. Der Wegfall der Grenzen würde die jüdische Bevölkerung Israels auch vor eine weitere Herausforderung stellen: Rechenschaft ablegen für das Schicksal der arabischen Bevölkerung. Diese Grenze, so habe ich während meiner deutschen Jugend gelernt, kann nur durch eine ehrliche und uneitle Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte überwunden werden, durch die Demontage falscher Selbstbilder und die Anerkennung der eigenen Verantwortung und Schuld. Nur dadurch kann jener Prozess im Nahen Osten zu Ende gebracht werden, den wir Frieden nennen.

Wir fragen uns: Vor welchen Aufgaben stehen wir heute, die wir den Menschen im Nahen Osten Frieden wünschen. Ich will eine mögliche Aufgabe hier nennen: Ethnische Grenzziehungen innerhalb einer Gesellschaft – damit haben wir hier in Europa und besonders in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht. Diese Einsicht, diesen politischen Standpunkt sollten wir Israelis und den Verteidigern des Status quo gegenüber sehr deutlich machen. Ein explizit als jüdischer Staat definiertes Israel, eine auf religiöser Herkunft basierende Staatsbürgerschaft, das sind Prinzipien, die sich mit unserem westlichen Verständnis von Demokratie und der Rolle des Staates nicht vereinbaren lassen.

© Daniel Cil Brecher 2011

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