Daniel Cil Brecher

Eine Säuberung des Gewissens

In Vorträge on Juni 21, 2010 at 9:24 am

Die „Ethnische Säuberung“ der palästinensischen Bevölkerung ist der Kern des Nahostkonflikts, der Tragödie des Nahen Ostens. Im Folgenden einige Gedanken über die Säuberung des Gewissens, über jene Rechtfertigungen und Mythen, die jede Ethnische Säuberung begleiten und ermöglichen.

Der Verdrängung der arabischen Bevölkerung musste eine andere Verdrängung vorausgehen – die Leugnung von palästinensischer Kultur und Geschichte, von ihrer Menschlichkeit. Bevor ich damit beginne, über die Vergangenheit zu sprechen, noch eine Bemerkung zur Gegenwart. Der ethnische Verdrängungsprozess in den besetzten Gebieten, und in gewisser Weise auch in Israel selbst, geht weiter. Ich meine eine oft übersehene Dimension der Besatzungspolitik – die Verdrängung, oder der Versuch der Verdrängung, durch Zermürbung. Lassen sie mich dazu kurz etwas sagen.

Das politische Konzept der Verdrängung durch Zermürbung besteht seit den späten 1970er Jahren, als zum ersten mal eine Koalition von Parteien in Israel an die Macht kam, die in der Besiedlung der 1967 besetzten Gebieten nicht nur einen militärischen oder politischen Vorteil sah. Bis dahin hatte die Kontrolle über Westbank und Gazastreifen für die Regierenden in Jerusalem eine taktisch-strategische Bedeutung – taktisch, um die arabischen Nachbarländer zum Frieden zu bewegen, und strategisch, um die Grenzen des Waffestilstandes von 1949 zu verbessern und Israel besser verteidigen zu können. Mit dem ersten Kabinett unter Menachem Begin kam eine Regierung an die Macht, die ganz Palästina für den jüdischen Staat gewinnen wollte, ungeachtet der militärischen Vor- und Nachteile, als zusätzliche Land- und Wirtschaftsreserve für zukünftige Generationen von Juden, die – so war die Hoffnung – in großen Zahlen in Israel einwandern würden. Es war diese erste Regierung Begin, die mit der Politik der politischen und demographischen Schwächung der unter Besatzung lebenden Bevölkerung begann – mit zwei Zielen: möglichst viele Menschen zur Auswanderung zu drängen und der verbleibenden arabischen Bevölkerung eine untergeordnete, für die jüdische Bevölkerungsmehrheit günstige Position in einem zukünftigen Groß-Israel zuzuordnen.

In vielerlei Hinsicht sind diese politischen Ziele immer noch gültig. Die politische Schwächung der palästinensischen Organisationen, und die Unterbindung von wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entfaltungsmöglichkeiten, sind auch heute wichtige Instrumente der Besatzungspolitik.

Wenn man heute eine Liste mit den Details der aktuellen Zermürbungstaktik machen müsste, stände ganz oben die Einschränkung der Freizügigkeit, d.h. der Bewegungsfreiheit zwischen Dörfern und Städten, und die Schwierigkeiten bei Ausreise und Einreise über Jordanien und Ägypten. Diese Einschränkungen führen zu Schwierigkeiten in der Berufsausübung, im Handel, in der Ausbildung und in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Die jährlichen Studien der Weltbank zeigen, dass seit 2000 etwa 60% der Bevölkerung ständig unter schweren Beschränkungen in den genannten Bereichen leidet. Als nächstes auf der Liste käme die Verdrängung durch Entzug des Aufenthalts- oder Rückkehrrechts bei Umzügen und Auslandsaufenthalten, und die Beschränkungen in der Familiengründung. Schließlich die Folgen der begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten für den Einzelnen und die Gesellschaft. Die Bevölkerung in den 1967 besetzen Gebieten lebt seit nunmehr 40 Jahren mit Einschränkungen ihrer Menschenrechte, die ohne gleichen sind. Auch in Israel selbst sind die arabischen Bürger marginalisiert, an den Rand gedrängt, als Bewohner, die nicht zum Staatsvolk gehören. Auch hier werden Menschenrechte chronisch verletzt.

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Mein Thema heutige Abend ist eine andere Dimension der Verdrängung. Die Verdrängung von Schuld und Verantwortung, also das System der Leugnungen und Umdeutungen, das der jüdischen Gesellschaft Israels die Missachtung und Abdrängung der arabischen Bevölkerung als moralisch gerechtfertig, als passend und gerecht, erscheinen lässt und damit ermöglicht, — und die Verdrängungsleistung des Westens, die uns in Europa und Nordamerika eine Unterstützung Israels in ihrem Umgang mit der arabischen Bevölkerung weiter als passend und gerecht erscheinen lässt, und damit ermöglicht.

Die große Mehrheit der Israelis gibt den Arabern selbst die Schuld für ihre jämmerliche Lage, für den Verlust ihrer Heimat, für Unterdrückung und Fortsetzung der Besatzung. Israel übt dieser Sicht zufolge allein sein Recht auf Selbstverteidigung aus, zögernd und widerwillig. Dies entspricht der Geschichtsversion des Nahostkonflikts, mit der die israelisch-jüdische Gesellschaft schon seit den 30er Jahren ihr Gewissen beruhigt: Die Araber Palästinas haben sich durch ihren unentwegten Widerstand gegen die Ansiedlung von Juden, die Schaffung des jüdischen Staates und die Ausbreitung nach 1967 selbst ins Unrecht gesetzt. Auch die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus dem jüdischen Staatsgebiet 1947-49, die das bis heute ungelöste Flüchtlingsproblem schuf, ist dieser Version nach allein Schuld der arabischen Bevölkerung und der arabischen Führung. So kommt es zum seltsamen Phänomen, dass viele Israelis sogar Mitlied mit den offenbar glücklosen, politisch unreifen Arabern Palästinas empfinden, die von ihrer eigenen, korrupten und despotischen Führung zum Widerstand aufgehetzt und damit ins Verderben gestürzt werden. Eine kausale Verbindung zwischen der Zerstörung der arabischen Gesellschaft Palästinas und der Kolonisierung des Landes durch Juden aus Europa wird nicht hergestellt.

Eine kleinere Gruppe, ewa 20% der israelisch-jüdischen Bevölkerung, ist nicht Anhänger dieser Unschuldsthese. Ich meine damit die säkular und religiös motivierten Anhänger der Idee von Groß-Israel.  Anfang dieses Jahres hatte ich Gelegenheit, mit einigen Siedlern in der Westbank Geschichtsinterviews zu führen. Hier ein Zitat von Dov Weinstock, einem der ersten Bewohner des kurz nach 1967 entstandenen Siedlungsblocks Gush Ezion, über die Rechte von Juden und Nichtjuden. Ich zitiere. „Diese Erde kann von niemand anderem erworben werden. Sie steht für immer eingeschrieben auf den Namen der Juden – in der Bibel. Das ist ein Buch, das nicht von dir geschrieben wurde oder von mir, nicht von meiner Religion oder der eines anderen.  Es stimmt, dass wir eine Pause gemacht und uns eine Zeit lang entfernt haben. Als wir zurückkehrten, fanden wir dieses Land besetzt durch andere, durch die Palästinenser. Denen sage ich ganz einfach: Freunde – ihr dürft hier wohnen. Ihr wollt hier wohnen bleiben? Bitte sehr. Das dürft ihr. Aber wenn ihr kommt und mir sagt: Du musst verschwinden, du musst diese Erde verlassen und uns unseren Staat geben – dann sage ich: Ihr habt keinerlei Eigentumsrechte. Ihr seid die Untermieter.“

Diese Gruppen im rechten Teil des israelischen Meinungsspektrums halten die Verdrängung und Vertreibung der arabischen Bevölkerung für eine fast unumgängliche Folge von göttlichen oder geschichtlichen Aufträgen. Diese Gruppen suchen nicht nach Entschuldigungen. Sie halten auch den arabischen Widerstand für normal und fast unumgänglich.

Die Unschuldsthese, die unter der jüdischen Bevölkerungsmehrheit vorherrscht, besagt auch, dass die Juden von Anfang an mit der arabischen Bevölkerung leben wollten, unter bestimmten Bedingungen, nämlich der gerechten Teilung des Landes und der Wahrung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit im jüdischen Teil. Erst die unversöhnliche Haltung der Araber, ihr Hass – oder ihr Antisemitismus – habe zum Unglück geführt. Diese These findet Ausdruck in der offiziellen Version der israelischen Geschichte, wie sie in den Schulen unterrichtet und in den Medien täglich vorgetragen wird.

Was die Anhänger der Unschuldsthese und die Praktizierer der Groß-Israel-Idee miteinander verbindet, ist der Mythos der „historischen“ Ansprüche auf das Land. Die Idee des Primats der jüdischen Rechte auf Palästina, aus dem die Minderwertigkeit arabischer Rechte folgt, basiert auf dem romantisch-nationalistischen Mythos der „Rückkehr“ der Exilierten und der „Wiederherstellung“ eines jüdischen Staates. Die Vorstellung von der Rückkehr und Wiederherstellung hat im Westen tiefe Wurzeln, z.B. in den protestantisch-chilliastischen Vorstellungen des 17. Jh. und 18. Jh., in denen die Rückeroberung Palästinas durch die Juden gefordert wird, als erster Schritt zur Errichtung des Gottesreiches auf Erden. Palästina wurde Jahrhunderte lang, seitdem das Osmanische Reich Palästina Anfang des 16. Jahrhunderts einverleibte, von Christen in Europa zurückgefordert, als Land der Bibel, indem die europäisch-christliche Geschichte begann und in dem sie sich noch zu erfüllen hat.

Zu dieser Mischung aus religiösen Messiashoffnungen und modernen nationalistischen Vorstellungen tritt noch die Idee der historischen Wiedergutmachung. Dies ist ein viel zielbewussterer Mythos, und er wurde von der zionistischen bzw. der israelischen  Führung auch mit größtem Effekt eingesetzt. Dieser Mythos geht von einer Schuld der christlichen Länder aus, die in der historischen Diskriminierung und Verfolgung von Juden begründet liegt und die durch eine Bevorzugung der jüdischen gegenüber den arabischen Ansprüchen beglichen werden soll. Die Entscheidung der Kolonialmacht Großbritannien 1917, die Bestrebungen der damals noch kleinen und unbedeutenden zionistischen Vereinigung mit dem Versprechen einer Jüdischen Heimstätte in Palästina zu belohnen, wird von vielen Juden bis heute in diesem mythischen Zusammenhang gesehen. Auch die Araber Palästinas, die von Anfang an gegen das von Großbritannien erworbene pro-zionistische Völkerbundsmandat von 1920 stritten, sahen in dieser kolonialistischen Anmaßung die Sühneleistung der christlichen Völker gegenüber den Juden, dessen Kosten sie nun zu tragen haben.

Die Idee der Rechtmäßigkeit jüdischer Ansprüche auf Palästina und die Auffassung von der durch unbegründete arabische Aggression aufgezwungenen Selbstverteidigung ist eine allgemein westliche Idee, und nicht nur eine jüdisch-israelische. Sie wurden durch viele Jahrzehnte hindurch von der Politik, und der öffentlichen Meinung, in der westlichen Welt mitgetragen. Die Regierungen Großbritanniens in den Jahren 1917-1948, Frankreichs von 1948 bis 1965 und seither die der USA, haben eine Politik in Palästina und dem Nahen Osten betrieben, ohne die der jüdische Staat nicht entstanden und die heutige Politik der Expansion nicht möglich gewesen wäre. Auch die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Deutschland und in anderen westlichen Länder ist für die Festigung des nach 1948 eingetreten Status Quo mit verantwortlich. Sie hat den Prozess der Verdrängung und Umdeutung des Geschehens noch weiter gefördert und damit die Chancen einer Verständigung mit den Arabern ständig verkleinert. Die Folgen sind nicht nur in den jüdisch-arabischen Beziehungen in Israel zu spüren, sondern auch im schlechten Verhältnis zwischen den arabischen Ländern und den Staaten Europas und Nordamerikas.

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Zwischen November 1947 und Oktober 1949 wurden fast 800.000 Menschen, mehr als die Hälfte der arabischen Bewohner Palästinas, aus dem jüdischen Staatsgebiet vertrieben. Sie ließen ganze Städte und Stadtviertel leer zurück, Häuser, Geschäfte, Betriebe, und Hunderte von Dörfern. Noch im Laufe des Jahres 1948 wurden diese Dörfer zerstört, das Land und die auf Feldern und Hainen heranreifenden landwirtschaftlichen Erzeugnisse von den jüdischen Nachbarn übernommen. Der Häuserbestand ganzer Ortschaften und Stadtviertel wurde an jüdische Einwanderer gegeben. In der jüdischen Gesellschaft Israels sind diese Ereignisse von mächtigen, allgegenwärtigen Mythen umrankt. Sie gehören zusammen mit der israelischen Deutungsweise der Ursprünge und Folgen des Krieges von 1948-49 zu jenem umfassenden Entstehungsmythos des Staates, der nicht nur in Israel und in der jüdischen Diaspora verbreitet ist, sondern auch in einem großen Teil der westlichen Welt.

Die Frage nach Schuld oder Ursache für die Tragödie des palästinensischen Volkes wurde in Israel lange Zeit eindeutig beantwortet: Die Katastrophe wurde von der palästinensisch-arabischen Führung und den Regierungen der arabischen Nachbarländer selbst verursacht. Sie war eine Konsequenz des von arabischer Seite provozierten Bürgerkriegs von November 1947 bis Mai 1948 und des sich anschließenden ersten Nahostkriegs, der mit einem Angriff der arabischen Nachbarstaaten auf Israel begann und mit einem Eroberungsfeldzugs Israels in der Negev-Wüste 1949 endete. Die Flucht der Zivilbevölkerung kam dieser Version nach durch das spontane Ausweichen der arabischen Bevölkerung vor Kriegshandlungen zustande und durch die Aufforderung der arabischen Führung an die Zivilbevölkerung, sich zeitweise hinter die arabischen Linien in Sicherheit zu bringen. Weil die arabische Seite mit ihrer Aggression die von der UNO beschlossene Teilung Palästinas zu verhindern suchte, müsse sie für die Kriegshandlungen, die dadurch ausgelöste Flüchtlingswelle und das seitdem bestehende Flüchtlingsproblem die alleinige Verantwortung tragen. Die im Völkerrecht ungeachtet der Ursachen bestehende Verpflichtung zur Rücknahme der Flüchtlinge nach Ende der Kriegshandlungen lehnte und lehnt Israel mit dem Argument ab, dass die Ausübung dieses Rechts den „jüdischen Charakter“ des Landes gefährden würde. Mit der Wahrung des „jüdischem Charakters“ sind nicht die Garantien für die Freiheit der Religionsausübung oder für die weitere Entfaltung der säkularen, jüdisch-israelischen Kultur gemeint, sondern das Festhalten am deutlichen demographischen Übergewicht der Juden gegenüber dem arabischen Bevölkerungsteil.

Mit der Verweigerung der Rücknahme von Flüchtlingen unter Berufung auf die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft können wir auch im rechtlichen Sinne von einer Ethnischen Säuberung sprechen, ungeachtet der Frage, ob die palästinensische Bevölkerung geflohen ist oder Ziel einer beabsichtigen Vertreibung war. Dass den Flüchtlingen auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit eine Rückkehr in ihre Heimat verweigert wurde, widerspricht dem Verbot der ethnischen Vertreibung im Artikel 49 des IV. Genfer Abkommens vom 12. August 1949.

Israelische Regierungen haben sich bisher erfolgreich auf das Recht des Erhaltes einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit berufen können, trotz der einschneidenden Folgen für die Flüchtlinge und die Rechte der nichtjüdischen Bürger Israels, weil dieses Prinzip durch das Völkerbundsmandat von 1922, den UN-Teilungsbeschluss von 1947 und andere Entscheidungen der Staatengemeinschaft legitimiert ist.

Die These von der Unschuld an der palästinensischen Katastrophe ist in der jüdischen Gesellschaft Israels von fundamentaler Bedeutung. Von ihr hängt das System der Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen ab, das die israelische Gesellschaft sich geschaffen hat und in Form der „Hasbara“, der auf das Ausland und die jüdische Diaspora gerichteten Propaganda, der Welt präsentiert. Mit ihr steht und fällt das Gefühl der moralischen Überlegenheit und Integrität, auf denen die Opferbereitschaft der Bevölkerung und der Kampfeswillen der Armee basiert. In der Innenpolitik Israels ist die These so stark verfestigt, dass sie der Außenpolitik kaum Spielraum lässt. Jedes Eingehen auf arabische Forderungen, die sich aus der Katastrophe von 1948 ergeben, die Rückkehr von Flüchtlingen, die Restitution von hinterlassenem Eigentum oder die Leistung von Entschädigung, wird von der israelischen Öffentlichkeit abgelehnt. Sie wird nicht als moralische oder rechtliche Verpflichtung verstanden,  sondern, wenn überhaupt,  als Entgegenkommen und mögliche Belohnung für Konzessionen, die von der anderen Seite zu leisten sind. Die Kluft zwischen den in Israel und unter Palästinensern gängigen Versionen der Konfliktgeschichte ist so groß, dass sie die Verhandlungen mit den Nachbarländern und den Palästinensern schwer belastet. Jeder Versuch, an den Grundannahmen der These zu rütteln, wird in der israelischen Öffentlichkeit sofort desavouiert und bekämpft.

Eine kleine Zahl von israelischen Historikern hat eine andere Sicht der Ereignisse des Krieges von 1948 entwickelt – dass die „Flucht“ der Bevölkerung keine unbeabsichtigte Folge des Kriegzustandes war, zumindest nicht ab März 1948. Ab diesem Zeitpunkt habe die jüdische Führung die Angst der arabischen Bevölkerung geschürt und genutzt, um sie zur Flucht zu bewegen, oder habe sie durch gezielte militärische Maßnahmen vertrieben. Diese Historiker haben nach dem Öffnen der Regierungsarchive der Zeitspanne 1948-1949 zum ersten Mal Gelegenheit gehabt, die Rolle von Regierung und Armee bei der „Flucht“ der Palästinenser an Hand der Quellen und mittels herkömmlicher Standards der Geschichtsforschung zu untersuchen. Ihre Forschungsresultate wurden trotzdem von älteren Kollegen als ideologisch geprägt, d.h. als anti-zionistisch, abgelehnt – von älteren Kollegen, die sich als Teil der zionistischen Revolution sehen, deren eigene Arbeiten sich allein auf die Erinnerungen der damaligen Führung stützen und deren Geschichtsschreibung bis in die 90er Jahre hinein hauptsächlich als Erbauungsliteratur für die israelische Jugend galt. Die Arbeiten der Neuen Historiker, die das Geschichtsbild versachlichen, werden in Israel kaum ernst genommen.

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Der physischen Verdrängung der arabischen Bevölkerung ging ein langer Prozess der Verdrängung ihrer Kultur und Menschlichkeit voraus, ein Prozess, der spätestens im 19. Jahrhundert einsetzt. Lassen sie mich einige Episoden dieses Prozesses beschreiben.

In Israel waren einige Jahre lang Bildpostkarten populär, in denen die nicht-jüdische Vergangenheit des Landes dargestellt wird. Auf einer dieser Karten, der Reproduktion eines alten Schwarz-Weiß-Photos der Bucht von Haifa, waren das Meer, ein kurzer Streifen Sandstrand und einige Kamele zu sehen. Die Postkarte war betitelt: „Bucht von Haifa um 1900“. Es muss sich um den Teil der Bucht gehandelt haben, an der einige Jahrzehnte später der Hafen, das Kraftwerk und die Raffinerie entstanden sind.

Alte Landschafts- und Stadtansichten laden den modernen Betrachter immer ein, Vergleiche zwischen „Damals“ und „Heute“ anzustellen. Damit dürfte auch die Popularität der Kamelkarte, und ihrer Artgenossen, zu erklären sein. Mit dieser Postkarte wurden die wundersamen Veränderungen in der Bucht angesprochen und der Charakter der Veränderung – der Fortschritt von Unterentwicklung zur Moderne. Die Karte impliziert, dass die Gegend bis zur Ankunft der Juden in einem Zustand menschenleerer Öde verharrte und erst danach die Periode der Industrialisierung und Modernisierung des Landes anbrach. Sie verweist damit auf ein Thema, das in dem noch einprägsameren Zusammenhang der „Fruchtbarmachung der Wüste“ eine große Rolle in der inneren und äußeren Propaganda des Staates spielt.

Die Idee des Aufblühens Palästinas durch das Kommen der Juden hat im Zionismus eine lange Geschichte. Sie bestand schon vor dem Zustrom von Menschen, Technologie und Kapital aus Europa, der die von Türken und Briten begonnene Modernisierung des Landes beschleunigte. Hinter dieser Idee stand von Anfang an die Vorstellung von der zivilisatorischen Überlegenheit der jüdischen Siedler und der Unterlegenheit der „Eingeborenen“, die allem Anschein nach nicht in der Lage gewesen waren, das Land anständig zu entwickeln. Sie schuf eine der Rechtfertigungen für die Übernahme des Landes. Das Thema entspricht dem Mythos vom Volk ohne Land, das dem Land ohne Volk zur neuen Blüte verhilft.

In „Altneuland“, dem Palästina-Roman von Theodor Herzl, dem Gründer der zionistischen Bewegung, ist dieser Mythos gut sichtbar. Der Roman ist um 1900 entstanden und stellt die Stadt Haifa als internationale Metropole eines jüdischen Palästinas der Zukunft dar. Im Roman konnte Tel Aviv, die heutige Metropole Israels, nicht erscheinen, weil es die Stadt um 1900 noch nicht gab. Im Roman beschreibt der Jerusalemer Augenarzt Eichenstamm den Beginn der zionistischen Besiedlung gegenüber einem ausländischen Besucher. Er sagt unter anderem: „Unser alter Boden trägt wieder Früchte“. Herzl basierte den Roman auf seinen Erlebnissen während einer Palästinareise 1898. Der Zweck des Aufenthalts war eine Audienz beim deutschen Kaiser Wilhelm II, der sich auf einer Reise durch die türkische Provinz befand. Die Audienz kam im November 1898 zustande, als der Kaiser in einer Zeltstadt vor den Toren Jerusalems verweilte. Herzl hielt eine kurze Rede, in der er über die angestrebte Kolonisierung des „Landes unserer Väter“ referierte. „Es schreit nach Menschen, die es bebauen sollen“ sagte er dem deutschen Kaiser. Viele Juden litten Not, fügte er hinzu. „Diese Menschen, ich zitiere, schreien nach einem Land, das sie bebauen wollen.“ So wurde das zionistische Unternehmen als Nothilfe für Juden und für Palästina hingestellt.

Der Kaiser, der den Plan nicht ausdrücklich unterstützen wollte, antwortete mit einer tiefen Einsicht: „Das Land braucht vor allem Wasser und Schatten“.

Im Roman kehrt der erwähnte Besucher nach zwanzig Jahren in den Nahen Osten zurück und findet im inzwischen entstandenen Judenstaat eines der modernsten Länder der Welt. Alles ist elektrifiziert, in der Landwirtschaft gibt es nur noch Großbetriebe, „offene Fabriken“, in denen alle Arbeit von den Juden selbst ausgeführt wird, nicht mehr von den Arabern. Haifa ist zu einem der wichtigsten Häfen der Welt avanciert, eine weltstädtische Metropole, deren Beschreibung an Hamburg erinnert. Der Augenarzt Eichenstamm ist inzwischen zum Präsidenten gewählt worden. Er verkündet die Maxime der Toleranz, an der sich „Zion“, der Judenstaat, orientiert: „Der Fremde soll sich bei uns wohl fühlen“. Mit den Fremden waren die im Land ansässigen Araber gemeint.

Während Theodor Herzl seine konservativen Ideen von der Kolonialisierung des Landes formulierte, entwickelten marxistische Denker innerhalb der zionistischen Bewegung eine Argumentation, die am Ende die Verdrängung der Araber ebenso rechtfertigte wie die Idee der zivilisatorischen Überlegenheit. Nur wer das Land selbst kultiviere, lautete die Analyse der marxistischen „Arbeiter Zions“, könne als rechtmäßiger Besitzer gelten. Dieses Argument war gegen die arabischen Großgrundbesitzer Palästinas gerichtet. Die ließen ihre Latifundien durch Felachen bebauen, die armen Landarbeiter Palästinas. Die zionistische Linke nahm sich das Schicksal dieser ausgebeuteten Massen anfangs zu Herzen, allerdings nur solange sie daraus den Anspruch der jungen jüdischen Pioniere aus Osteuropa ableiten konnte, die Befreiung des Landes von den ungerechten Besitzverhältnissen selbst zu unternehmen. Von arabischen Großgrundbesitzern „befreit“ wurde das Land am Ende erst durch die Landaufkäufe der zionistischen Organisationen. In den allermeisten Fällen bedeutete der Besitzerwechsel die Vertreibung der Felachen, deren Arbeit von jüdischen Siedlern übernommen wurde.

Die „Befreiung durch Arbeit“, von der die zionistische Linke sprach, hatte eine doppelte Bedeutung. Neben der Befreiung Palästinas von den arabischen Efendis war auch die Befreiung der Juden von ihrer Position als Büttel des Kapitals gemeint. Diese Idee beruhte auf den gängigen antisemitischen Stereotypen des 19. Jahrhunderts. Die Zionisten, die das jüdische Leben in der Diaspora oft durch den gleichen Filter betrachteten wie die Antisemiten, geißelten das scheinbar „unproduktive“ Leben der Juden in Europa, die als diskriminierte Randgruppe im Handel und im „Parasitentum“ stecken geblieben seien. Die zionistische Forderung von der „Produktivierung“ sollte zusammen mit der Rückkehr zur Landwirtschaft die Juden von der Diaspora-Existenz heilen und sie auf der eigenen Scholle zum „Neuen Juden“ genesen lassen.

In Palästina verfolgte vor allem die Kibbuzbewegung das Ziel dieser „Proletarisierung“ und Befreiung durch Landarbeit. Die Idee der Gleichheit und des gemeinschaftlichen Besitzes der Produktionsmittel im Kibbuz erstreckte sich allerdings nicht auf die arabischen Nachbarn. Diese bekamen nur die Nachteile der „Proletarisierung“ der Juden zu spüren. Landwirtschaftliche Produkte in Palästina waren billig, hauptsächlich wegen der sehr niedrigen Löhne, oder, anders gesagt, wegen der großen Armut der arabischen Landarbeiter. Dieser niedrige Preis der menschlichen Arbeitskraft machte es den Juden schwer, mit ihren eigenen Produkten auf den Märkten zu konkurrieren. Die Produktion in den jüdischen Betrieben musste verbilligt werden. Das war nur durch eine Senkung der Lebenshaltungskosten möglich, also eine künstliche Armut, und diese Funktion konnten der Kibbuz und andere genossenschaftliche Siedlungsformen bestens übernehmen. Die „Proletarisierung“ brachte die Juden also in eine viel bessere Wettbewerbsposition. Gleichzeitig konnten die Führer der zionistischen Arbeiterbewegung die Landnahme als fortschrittliches Projekt und als jüdischen Anteil am Siegeszug der Geschichte darstellen und rechtfertigen. Der Effekt war auch hier die allmähliche Verdrängung der arabischen Landarbeiter. Diese Synthese aus Marxismus und Nationalismus leistete damit dem Zionismus ebenso große Dienste wie das koloniale und imperiale Denken eines Theodor Herzl.

Ein Witz, den man sich früher in Israel erzählte, fasst den Mythos der „Fruchtbarmachung“, den der „Produktivierung“ des jüdischen Luftmenschen und das Verhältnis zu den Ureinwohnern wunderbar zusammen.

Ein Großvater steht mit seinem Enkel auf dem Berg Karmel und schaut auf die Bucht hinunter. „Schau dir das an, mein Kind“, sagt er stolz. „All das haben wir mit unseren eigenen Händen aufgebaut.“ Der Knabe mustert seinen Großvater verwundert. „Opa, warst du früher mal Araber?“

Das Resultat dieser vielfältigen Verdrängungs- und Umdeutungsprozesse unter den Juden Israels sind politische Formeln und Abstraktionen, die mehr oder weniger offen die handfeste Diskriminierung der arabischen Bevölkerung begründen und verteidigen. Seit 60 Jahren verhindert der Hinweis auf die andauernd ernste „Sicherheitslage“ eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und mit den Lebensbedingungen der arabischen Bevölkerung. Über allen politischen und privaten Erörterungen des Verhältnisses von Arabern und Juden schwebt die so genannte „demographische“ Bedrohung des Staates, eines Staates, der für Juden geschaffen wurde und in dem für andere ethnische Gruppen eigentlich kein Platz ist. Die schon erwähnte Wahrung des „jüdischen Charakters“ Israels ist die alles umfassende Formel, die das Verhältnis von Juden gegenüber den Arabern Israels und der Gebiete weiter bestimmt und den Prozess der Verdrängung in Gang hält.

Vortrag vor dem Nahost-Friedenskreis am  24. November 2007 im Evangelischen  Gemeindezentrum Berg.Gladbach-Bensberg bei Köln * copyright 2007 Daniel Cil Brecher

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