Daniel Cil Brecher

Göttliches Bauwerk

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on August 20, 2007 at 8:24 am

Idith Zertal / Akiva Eldar: Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 576 S., € 28

Seit dem Ende der zweiten Intifada, dem blutigen Aufstand der Palästinenser gegen vierzig Jahre Besatzung und Siedlungsbau, haben in Israel die Schuldzuweisungen begonnen. Waren das Siedlungsunternehmen und die Verpflanzung von 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung in die 1967 eroberten arabischen Gebiete ein Fehler? Wurde die nichtreligiöse Mehrheit von einer extremistischen Minderheit religiöser Siedler in ein verhängnisvolles Abenteuer hineingezogen? Auch die Siedler fühlen sich betrogen und im Stich gelassen.
Die religiös-nationalistische Siedlerbewegung entstand nach dem Sieg von 1967, um den Rest Palästinas durch Kolonisierung in den Besitz der Juden zurückzuführen und damit das Kommen der Endzeit und des Messias zu beschleunigen. Die arabische Bevölkerung in den eroberten Gebieten wurde von Ihnen als eine Art Untermieter gesehen, der sich seit Beginn des jüdischen Exils vor zweitausend Jahren auf dem Land aufhielt, ohne eigene Rechte erworben zu haben. Das Autorenduo Zertal und Eldar zitiert in diesem Zusammenhang den wichtigsten ideologischen Ziehvater der Siedlerbewegung, Rabbiner Zvi Jehuda Kook.

„Der Staat Israel ist eine göttliche Angelegenheit, ein göttliches Bauwerk. Dieses ganze Land ist unser, absolut. Es ist nicht auf andere zu übertragen, selbst nicht in Teilen. Damit ist ein für allemal klar, dass es keine „arabischen Gebiete“ gibt, sondern einzig und allein die Erde des Landes Israel, das ewige Erbe unserer Vorväter. Dies ist eine Vorgabe göttlicher Politik, die keine niedere Politik durchkreuzen kann.“

Auch die etablierten, säkular-zionistischen Parteien hatten in der Vergangenheit Anspruch auf ganz Palästina erhoben, aber als Zielvorstellung kollidierte diese Idee immer wieder mit einem anderen Wunsch – der Erlangung und Sicherung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit in einer von Arabern bewohnten Region. So hatte sich die zionistische Arbeiterbewegung schon 1947, vor Staatsgründung, auf eine Teilung Palästinas und eine Grenzführung eingelassen, die ein Maximum an Territorium und ein Minimum an arabischer Bevölkerung umfasste. Die rechtszionistische Bewegung der Revisionisten hielt offiziell noch bis zur Regierungsübernahme durch Ariel Sharon 2001 am Endziel des Großisrael fest. Erst dann musste auch diese ideologische Vorgabe den demographischen Realitäten weichen. Ein jüdischer Staat, das heißt ein Staat mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit, war nur in engeren Grenzen möglich. Einer der wichtigsten Verfechter eines pragmatischen, auf Mehrheitsverhältnisse gerichteten Zionismus, der ehemalige Stabschef und Premier Yitzhak Rabin, wies deshalb die Ideen der Siedler als Irrweg der jüdischen Geschichte ab. In einer Knesset-Rede sagte er 1994:

„Ihr seid nicht Teil der israelischen Gemeinschaft, des demokratischen, nationalen Lagers. Sehr, sehr viele im Volk verabscheuen euch. Ihr habt nicht Teil am zionistischen Werk. Ihr seid ein Fremdkörper, seid Unkraut.“

Kaum zwei Jahr später wurde Rabin von einem Anhänger des religiös-messianischen Siedlungsgedankens ermordet. Die unmittelbar nach dem 6-Tage-Krieg erfolgte Annektierung des arabischen Jerusalems und einer großen Zahl arabischer Dörfer an der Peripherie sowie die Einverleibung der Golanhöhen, beides wird im Buch nicht behandelt, stießen auf breite Zustimmung bei der jüdischen Bevölkerung. Der Siedlungsbau in der Westbank und im Gazastreifen hingegen führte zu einer Spaltung der israelischen Gesellschaft. Die wichtigste außerparlamentarische Opposition Israels, die während der Verhandlungen mit Ägypten 1978 entstandene Friedensbewegung „Peace Now“, widmet sich seit Jahren fast ausschließlich der politischen Bekämpfung des Siedlungsunternehmens und der Aufdeckung von Rechtsbrüchen und Menschenrechtsverletzungen in der Westbank. Zu diesem politischen Umfeld sind auch die Autoren Zertal und Eldar zu zählen. In ihren Augen konnte das Siedlungsprojekt, ein massiver Bruch internationalen Rechts, der Verträge mit Jordanien, Ägypten und der PLO, nur unter dem doppelten Deckmantel der Verschleierung und der Verdrängung vor sich gehen; durch eine Verschleierung der Zielrichtung und des Ausmaßes des Siedlungsbaus auf Seiten der staatlichen Stellen, die den Bau planten, bezahlten und ihn politisch, militärisch wie juristisch deckten; und durch die Leugnung und Verdrängung des Unternehmens durch die Bevölkerungsmehrheit, die vor den Folgen die Augen schloss. Zertal und Eldar formulieren die politisch-moralische Frage so:

„Tausende gewählter Staatsbediensteter und Beamter – Politiker, Richter, Staatsanwälte, Generäle, Akademiker – haben über die Jahre, einige ganz offen, andere eher diskret, dem jüdischen Siedlungsprojekt geholfen. Gleichzeitig haben einige wenige Intellektuelle und Medienschaffende immer wieder Alarm geschlagen angesichts des Ausbaus der Siedlungen, des andauernden Landraubs und der zunehmenden Unterdrückung der Palästinenser. Warum haben wir alles Mögliche unternommen, um unsere Taten zu verbergen – vor uns selbst und vor der Welt? Ist diese Maskerade Beleg für das Wissen um das Vergehen, dessen man sich stets bewusst war?“

Dieser Version der Geschichte der letzten vierzig Jahre halten die Siedler ihre Sicht entgegen. Ihrer Meinung nach wurde die Grundrichtung des Unternehmens weder versteckt noch verschleiert. Lediglich einige Details habe man mit Rücksicht auf das Ausland und die Rechtslage der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Regierungen der Arbeitspartei, unter denen das erste Dutzend Siedlungen nach 1967 gebaut und Jerusalem annektiert wurde, hatten sich des Elans der Siedlungsbewegung bedient, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen: die langfristige Sicherung von militärisch wichtigen Punkten und die strategische Verbesserung der beim Waffenstillstand von 1949 entstandenen Grenzen. Die rechtszionistischen Regierungen unter Führung von Begin, Shamir, Netanjahu und Sharon betrieben aus eigenen Gründen die massive Besiedlung der Gebiete. Für sie war die Schaffung eines Großisrael kein göttlicher, sondern ein geschichtlicher Auftrag. Aber auch sie appellierten an den Idealismus der religiös-messianischen Bewegung. So hatte Menachem Begin schon zwei Tage nach seinem Wahlsieg 1977 bei einem Besuch in der Siedlung Kadum erklärt:

„Dies sind befreite Gebiete, die dem jüdischen Volk gehören. Die neue Regierung wird junge Leute auffordern zu kommen und das Land zu besiedeln.“

Begin beauftrage seinen Landwirtschaftsminister Ariel Sharon mit der Ausführung. Von nun ab, bis zu seinem Ausscheiden aus der Politik 2005, wirkte Sharon in den verschiedensten staatlichen Funktionen als Pate der Siedlerbewegung. Aber er förderte nicht nur religiös-nationalistisch ausgerichtete Siedlungsprojekte. Begin und Sharon erkannten schnell, dass mit der kleinen Zahl ideologisch motivierter Siedler – bis 1977 waren nur etwa 7.000 Juden in die Westbank gezogen – der Rest Palästinas nicht für die Juden zu gewinnen war. Der Durchschnittsisraeli musste dazu bewegt werden, in die Gebiete zu ziehen. Dazu Zertal und Eldar:

„Die kostenlose Verteilung palästinensischen Landes, die von Sharon offerierten günstigen Baukredite, die nicht selten in Schenkungen umgewandelt wurden, dazu die kostenlos zur Verfügung gestellte Wasser-, Strom- und Abwasserinfrastruktur sorgten für eine Veränderung des Siedlerprofils. Neben denjenigen, die der Idee eines Großisraels treu ergeben waren, gab es nun vermehrt Neueinwanderer und junge Paare, denen diese Idee fremd war.“

Neben dem Preisvorteil sollte „Lebensqualität“ die neuen Bewohner anlocken: schmucke Einfamilienhäuser, Parks und großzügige Gemeinschaftseinrichtungen in neuen, sozial homogenen Vororten in unmittelbarer Nähe von Tel Aviv und Jerusalem. Auf diese Weise stieg die jüdische Bevölkerung in der Westbank, im Gazastreifen und auf den Golanhöhen bis 1992 auf 100.000 Menschen, die Zahl der Bewohner der annektierten Stadtteile Jerusalems auf 180.000, und Zahl der Siedler bis 2007 auf etwa 450.000 insgesamt. Diese Strategie der Entideologisierung des Wohnens in den besetzten Gebieten war so „erfolgreich“, dass der 1992 gewählten Regierung der Arbeitspartei unter Yitzhak Rabin kaum etwas anderes übrig blieb, als die Satellitenstädte und grenznahen Siedlungen als neue, unumstößliche Tatsachen der israelischen Landkarte anzuerkennen, ja , sie weiter zu stärken. Auch wenn die Autoren zum Schluss kommen, dass – gemessen an den eigenen, völlig unrealistischen Erwartungen, ganz Palästina auf diese Weise judaisieren zu können – das Projekt der religiös-nationalistischen Siedlerbewegung gescheitert sei, haben die säkular und militärisch-strategisch motivierten Siedlungsvorhaben ihr Hauptziel erreicht, ein Ziel, dass die zionistische Arbeiterbewegung und die rechtszionistischen Parteien gemeinsam verfolgten.

„Die unverhohlene Absicht hinter Sharons „Erlösung des Landes“, wie man es in den Pioniertagen des zionistischen Siedlungswerks genannt hatte, war, für alle Zukunft die Möglichkeit der Errichtung eines lebensfähigen und über einen annehmbare territoriale Geschlossenheit verfügenden palästinensischen Staatswesens zunichte zu machen.“

Dieser Aspekt der Besatzungs- und Siedlungsgeschichte und die Entstehung der wesentlich umfangreicheren säkularen Siedlungsprojekte liegen außerhalb des Rahmens der Studie von Zertal und Eldar, die sich nur auf die religiöse Siedlerbewegung und ihre Ideologie konzentrieren. Diese Beschränkung ist nicht unproblematisch. So kommen gerade der Annektierung und Besiedlung des Großraums Jerusalem, in der heute mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner der 1967 eroberten Gebiete lebt, eine politisch weit größere Bedeutung zu als den relativ kleinen, isolierten Siedlungen, deren Geschichte im Buch erzählt und deren Räumung zur Zeit öffentlich erwogen wird.

Gesendet im Deutschlandfunk 27. August 2007 * copyright 2007 Daniel Cil Brecher

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