Daniel Cil Brecher

Zwei Kommentare zur Dauerkrise

In Buchbesprechungen Israel und Palästina on Dezember 5, 2006 at 2:34 pm

Von Daniel Cil Brecher

Edward K. Said: Kultur und Widerstand. David Barsamian spricht mit Edward K. Said über den Nahen Osten. Edition 8, Zürich 2006, 203 Seiten, € 16,80
Amira Hass: Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus Palästina und Israel. Verlag C.H. Beck, München 2006, 213 Seiten, € 19,90

Der Kulturwissenschaftler Edward Said wurde 1935 in Jerusalem geboren. Nach Beginn des palästinensischen Exils 1948 gelangte er über Ägypten in die USA, wo er drei Jahrzehnte an der Columbia Universität unterrichtete. Bekannt wurde er vor allem durch sein 1978 erschienenes Buch „Orientalismus“, in dem er die verzerrten Vorstellungen des Abendlandes über Islam und arabische Kultur kritisierte. Said war auch in der palästinensischen Politik aktiv. Als Kritiker der Linie Arafats trat er 1991 aus dem Palästinensischen Nationalrat aus. Er starb 2003. Edward Said tritt hier, in seinem letzten Buch, als Gesprächspartner in sechs Rundfunkinterviews auf, in denen er sich mit dem us-amerikanischen Journalisten David Barsamian über die aktuelle Lage in Palästina und über sein eigenes Leben unterhielt. Das erste Gespräch fand im Februar 1999 statt, das letzte im Februar 2003. Das Buch wirkt dadurch wie eine Chronik der blutigen Dauerkrise dieser Jahre: des Scheiterns der Friedensverhandlungen im Sommer 2000, der zweiten Intifada, der Auswirkungen des Attentats auf das World Trade Center. Said hatte schon 1992 grundsätzlich Kritik am Friedensprozeß geäußert. Das Friedenskonzept von Oslo bedeute die Lösung des Konflikts zu Gunsten Israels, auf Kosten der Araber. Der Westen habe offenbar seinen kolonialistischen Blick auf den Konflikt nicht überwunden und die Gleichberechtigung der arabischen Interessen noch nicht anerkannt. Auf Dauer erschien Edward Said auch eine zweistaatliche Existenz, Israel in den Grenzen von 1967 mit einer künstlich gewahrten jüdischen Mehrheit, und ein palästinensischer Staat in den verbleibenden Rumpfgebieten Gaza und Westbank, nicht haltbar. Die arabische Bevölkerung wachse schneller als die jüdische, warnte Said, und beide Bevölkerungen seien durch die Kolonialisierung unwiderruflich miteinander verwoben. Langfristig könne das Zusammenleben nur auf Basis der Gleichheit und der gerechten Verteilung der Ressourcen funktionieren. Das sei nur in einem einzigen, bi-nationalen Staat möglich.

Edward Saids Kritik am Friedensprozeß drängte ihn in seiner Wahlheimat New York, der kulturellen und politischen Hauptstadt des Diaspora-Judentums, in der Stadt, in der die pro-israelische Politik der USA ihren stärksten Widerhall hat, ins Abseits. „Der Einsatz für Palästina“ schrieb er einmal, „ist eine undankbare Aufgabe“. Man handele sich damit nur Schmach, Beschimpfung und Ächtung ein. In einem Rundfunkinterview im November 2000, zwei Monate nach Ausbruch der zweiten Intifada, ging Said auf die Einseitigkeit der Berichterstattung und die Parteilichkeit der öffentlichen Meinung im Westen ein. „Die Medien sind so überwältigend pro-israelisch, daß die meisten Menschen nicht auf die Idee kommen, ihre Unterstützung für eine Bewegung zum Ausdruck zu bringen, die mutig versucht, eine koloniale Militärbesatzung zu beenden. Die meisten Leute [wissen] kaum etwas über die Geschichte oder die geografische Topografie, die für diesen Konflikt wichtig sind. Und so sagen sie dann, nun ja, die Araber und Juden haben wieder einmal ihren ewigen Streit, wobei sie von der Vorstellung ausgehen, hier gebe es zwei gleich starke Seiten, deren eine, die israelische, ständig belagert und angegriffen wird. Auch hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine Form der Zensur, nämlich die der Marginalisierung, bei der Kritiker in den Mainstream-Medien einfach nicht vorkommen.“
Im August 2000 wurde Edward Said von der linksliberalen israelischen Tageszeitung Haaretz über das Scheitern des Friedensprozesses interviewt. Das Interview erschien auf der Titelseite der Wochenendbeilage. „Eine US-amerikanische Zeitung hätte dieses Interview niemals abgedruckt. Und zwar einfach deshalb, weil das gesamte Thema Palästina in den Vereinigten Staaten so gut wie tabu ist und nur als Nebenaspekt eines Nebenaspektes eines Nebenaspektes behandelt werden kann. Das ist das Prinzip, das sich etliche der jüdischen Organisationen in den USA zur Maxime gemacht haben.“

Kurz nach den Anschlägen vom September 2001 führte David Barsamian wieder ein Gespräche mit Edward Said im National Public Radio. Said hatte gerade darüber geschrieben, daß im Westen böswillige Pauschalurteile über den Islam zur letzten akzeptablen Form der Verunglimpfung einer fremden Kultur geworden seien. „Es handelt sich um ein jahrhundertealtes Bild vom Islam und von den Arabern, das keine Differenzierungen macht. Dabei denkt man über „den Muslim“ das genaue Gegenteil wie über uns: er ist fanatisch, gewalttätig, lüstern, irrational und so weiter. Dieses Gefühl vom Islam als bedrohlichem Anderen ist bis heute nicht verschwunden. Der Islam [wird] in die Nähe des absolut Bösen gerückt und die Vorstellung propagiert, daß die Araber nun einmal eine minderwertige Kultur haben. Solche negativen Verallgemeinerungen kann man sich in den USA heute über praktisch keine andere Religion oder Gruppe mehr erlauben.“

Im letzten Interview vor seinem Tod ging Said auf die kollektive Erinnerung ein, die bei Juden und Arabern eine wichtige Rolle spiele. Ein jüdischer Diskussionspartner habe einmal von ihm gefordert, den Israelis nicht immer die Vergangenheit vorzuwerfen, die Staatsgründung von 1948 und die Vertreibungen. Aber es seien doch gerade die Juden, die von der Welt ständig verlangten, die Geschichte nicht zu vergessen: „Es ist obszön, wenn Juden, ganz gleich, ob sie Israelis oder Amerikaner sind, den Palästinensern heute sagen: „Hört auf, Euch immer als die Opfer zu gerieren. Sucht die Schuld lieber bei Euch selbst.“ Wann wir uns erinnern und wann wir vergessen, ist eine Frage, über die wir selbst und nicht andere entscheiden müssen.“

In der zweiten Chronik der Dauerkrise, einer Sammlung wöchentlicher Kolumnen der israelischen Journalistin Amira Hass für die italienische Wochenzeitung „Internazionale“, lernen wir Hass von einer ungewohnten Seite kennen. In Deutschland ist sie vor allem durch ihre Reportagen für die Tageszeitung Haaretz bekannt, für die sie seit 1993 aus den besetzten Gebieten berichtet, als einzige jüdisch-israelische Korrespondentin, die ständig dort lebt. In der italienischen Wochenzeitung berichtet Amira Hass zum ersten Mal ausführlich auch über ihre eigenen Meinungen und Empfindungen zum Konflikt. Sie stellt sich, nicht ganz überraschend, als ausgesprochen parteiliche Chronistin des Lebens und Leidens unter israelischer Besatzung vor, als eine abtrünnige israelische Jüdin, die sich nicht mehr an der „Konsenserzeugung“ der israelischen Medien, wie sie sagt, beteiligen will. Sie hat sich unter die Opfer und Gegner von Israels Politik begeben, und unter ihnen ein neues Zuhause gefunden. „16. November 2005: Warum fällt es mir heute so schwer, etwas zu Papier zu bringen? Ich bin weder in Gaza noch in Ramallah, sondern in meinem alten Wohnviertel in Tel Aviv, beobachte die belebte Straße, [die] schicke[n] Boutiquen. Ich komme gerade aus einer anderen Welt. Gerade noch stand ich vor einem israelischen Gefängnis, wohin ich einen Freund begleitet hatte. Ist es dieser Kontrast, der jeden Kommentar überflüßig macht? Ich bemerkte die Palmen vor dem Gefängnis, Bäume, die die Gefangenen nicht sehen können. Meine Tränen haben sich zu einem schmerzhaften Knoten in meiner Brust verhärtet.“

Die herausragenden Themen ihres Buches sind die verheerenden Folgen der Abriegelung der Gebiete und das an Südafrika erinnernde „Paßsystem“, mit dem die Bewegungsfreiheit der Menschen auch innerhalb der palästinensischen Enklaven radikal eingeschränkt wird. „9. Februar 2001: Einer meiner Freunde lebt in Silwad, dreizehn Autominuten von meiner Wohnung in Ramallah entfernt. Das Dorf stand fünf Tage lang ohne jede Unterbrechung unter Ausgangssperre, weil ein paar unbekannte Kämpfer Schüsse auf ein Siedlerauto abgegeben haben. Eine Freundin lebt im Flüchtlingslager Deheische bei Bethlehem. Die ganze Gegend war drei Monate lang ein einziger, riesiger Käfig. Die Hauptstraßen waren ausschließlich den Juden vorbehalten. Das Recht auf Bewegungsfreiheit wird den Palästinensern nicht erst seit Beginn der Intifada vor einigen Monaten verweigert, sondern schon seit 1991. Die Fahrt von einer Ortschaft in eine andere ist nur mit einer israelischen Reisegenehmigung möglich.“ Hass reiht ein haarsträubendes Detail an das andere – das Elend der arabischen Bevölkerung, die täglichen Erniedrigungen, die ständigen Entbehrungen, der all-gegenwärtige Tod. Nach der Niederschlagung der Intifada 2004 kehrte für Israelis die Normalität zurück, und eine gewisse Ruhe. Seither schließt die israelische Öffentlichkeit bereitwillig die Augen vor dem, was die Armee in den besetzten Gebieten in ihren Namen anrichtet. „17. März 2004. Aus dem Radio klingt Musik von Bach. Drunten, im sonnigen grünen Tal unterhalb meiner Wohnung in Ramallah, grasen ein paar wohlgenährte Schafe. So normal. Und in den Flüchtlingslagern Rafah und Megahzi im Gazastreifen ist ein Angriff der Armee in vollem Gang. Am letzten Dienstag stürmten die Bewohner von Gaza die Läden, um sich für den Fall eines größeren israelischen Angriffs mit Nahrung einzudecken. Am Nachmittag wurde ein Haus in der Innenstadt von zwei Raketen getroffen. Zwei Männer wurden getötet. Zur gleichen Zeit interviewte ich einen Historiker an der Universität von Tel Aviv. Studenten lagen behaglich auf den Rasenflächen des schön angelegten Universitätsgebäudes, tauschten Meinungen und Bemerkungen aus, tranken Kaffee. So normal.“

Gesendet im Deutschlandfunk 27.November 2006

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